Sonntag, 22. November 2015

Solange die Formulierung „Er (oder sie) lebt(e) offen heterosexuell“ nicht üblich ist, ist die Formulierung „Er (oder sie) lebt(e) offen homosexuell“ offen diskriminierend. Übrigens auch dann, wenn sie von der betreffenden Person auf sich selbst angewandt wird: „Ich lebe offen schwul.“

Freitag, 23. Oktober 2015

Peitschenhiebe für Sex unter Schwulen

„Sex unter Schwulen“ werde in der indonesischen Provinz Aceh mit bis zu 100 Peitschenhieben bestraft. So oder so ähnlich schreiben es zahlreiche Medien (wohl von einer dpa-Meldung ab). Keine Sekunde lang wird darüber nachgedacht, ob Acehs Rechtsvorschriften, die sich auf die Scharia berufen, denn tatsächlich den Begriff „Schwule“ (oder ein Pendant dazu) kennen. Und ob denn etwa Sex unter Männern, die nicht schwul sind, demnach nicht bestraft werden solle. Was die interessante Frage aufwürfe, wie zuständige Behörden Schwule von Nichtschwulen einwandfrei unterscheiden wollten.
Ohne weiter zu recherchieren, kann man sicher sein, dass in Aceh „nur“ gleichgeschlechtlicher Analverkehr, der vor mindestens zwei Zeugen stattfindet, bestraft wird. (Wobei übrigens 100 Peitschenhiebe noch eine geringe Strafe wären im Vergleich zur jüdischen und der dieser folgenden christlichen Tradition, die beide die Todesstrafe vorsehen. Zur Erinnerung: In Deutschland bzw. Österreich konnten Männer bis 1969 bzw. 1971 für gleichgeschlechtlichen Verkehr in jedem Fall ins Gefängnis kommen, danach immer noch in manchen Fällen.) Einige Medienberichte führen dies, also die Notwendigkeit von Zeugen, sogar an. Dass es damit ziemlich unwahrscheinlich wird, dass allzu viele Fälle dieser Art vor den Richter kommen, wird nicht erwähnt. Oder wie oft ficken Sie als Mann vor unbeteiligten Zeugen mit einem Mann?
Zweifellos kann und darf man die Gesetzgebung in Aceh kritisieren. Man soll und muss es wohl sogar. Zweifellos ist sie homosexuellenfeindlich. Allerdings ist die Berichterstattung darüber ihrerseits homosexualitätsfeindlich. Indem nämlich das Verbot von Sex unter Männern zu einem Verbot von Sex unter Schwulen gemacht wird, wird, was eigentlich alle angeht, zum Problem lediglich einer Minderheit. Unter der Herrschaft des Dogmas, Homosexualität sei das Homosexuellsein der Homosexuellen — und nicht eine jedem Mensch gegebene Möglichkeit —, werden „nichtschwuler“ Sex, „nichtschwules“ Begehren, „nichtschwule“ Zuneigung usw. zwischen Männern eliminiert. Damit wird Heterosexualität rein erhalten und als Normalfall festgeschrieben. Die scheinbare Sorge um das Wohlergehen von Schwulen (werden sie von der Schariapolizei auch nicht zu sehr drangsaliert?) entpuppt sich so als Strategie der Auslöschung von jeglicher Homosexualität, die nicht der Norm des Untersichbleibens der Homosexuellen entspricht.

Montag, 12. Oktober 2015

Zahllos und ungezählt

Was genau ist eigentlich so empörend daran, wenn eine thüringische Landtagsabgeordnete von der AfD die Anfrage stellt, wie viele Homo-, Bi-, Transsexuelle, Transgender und intergeschlechtliche Menschen im Lande leben? Wenn, wie man immer behauptet, Homosexuellsein, Bisexusellsein, Transsexuellsein (und Transgendersein, Intersexuellsein, Queersein, Sternchensein) jeweils eine Identität ist, dann müsste man doch auch zählen oder schätzen oder hochrechnen können, wie oft diese Identität vorkommt. Daran kann nichts Schlimmes sein, man errechnet doch auch den Bedarf an Kita-Plätzen Jahre im Voraus, ohne dass deswegen alle Eltern oder Kinder in Listen erfasst werden müssten. 
Selbstverständlich ist die AfD eine widerliche Truppe dümmlicher Rechtspopulisten, aber die Empörung über deren womöglich böse Absichten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man die Anfrage schlicht deshalb nicht beantworten kann, weil auch nach der Reduzierung von Homosexualität auf das Homosexuellsein von Homosexuellen (um BTIQsternchen mal wie gewohnt beiseite zu lassen: AfD will wissen, wie viele Homosexuelle in Thüringen leben [queer.de], AfD will wissen, wie viele Schwule in Thüringen leben [welt.de]) niemand deren gesellschaftliche Relevanz quantifizieren kann, was umso erstaunlicher ist, als in anderen Bereichen (Benachteiligung von Frauen z.B.) immer Zahlen genannt werden. 
Fast könnte man meinen, die identitäre Homosexualität sei ein Phantom, gesponnen aus Selbstmissverständnissen einiger weniger und dem Bedürfnis der Mehrheit, den Schweinkram einer Minderheit zu überlassen. Die man dafür mit Anerkennung für ihr Bravsein und dem Prädikat normal belohnt.

* * * 

Sehr gelungen ist dieser pseudonyme Kommentar zum Bericht von queer.de: Würde sie [wohl die anfragestellende Abgeordnete, Anm.] sich auch mal selbst informieren, statt nur anderen auf den Senkel zu gehen, wüsste sie, dass ca. 10-15% der Erwachsenen schwul bzw. lesbisch sind. Da kommen dann nochmal die Trans* dazu.“ Daran gefällt mir, dass nur die Homoquote der Erwachsenen angegeben wird, vermutlich deshalb, weil man ja weiß, dass Minderjährige völlig asexuell sind und darum noch nicht richtig homosexuell sein können. Das steht zwar ein bisschen im Widerspruch zur beliebten These, Homosexualtät sei angeboren, aber was soll‘s. Worauf die Angabe 10-15%“ sich stützt, bleibt etwas im Dunkeln, aber da das ja in Deutschland nur so 7 bis 10 Mio. wären und jeder Schwule schon mit fast so vielen Männern im Bett war, ist sie sicher nicht zu hoch gegriffen. Und es kommen ja noch die Transexuellen und Transgender dazu, sicher auch ein paar Millionen. Weiters Hundertausende von Intersexuellen und allein in Deutschland ca. eine Milliarde Bisexuelle. Ach, wenn sich diese unwissende AfD-Politikerin bloß mal selbst informieren wollte!

Freitag, 28. August 2015

Anti-Homophobie als Antisemitismus

Eine Frau, die wegen einer homosexuellenfeindlichen Äußerung in einem sozialen Netzwerk („Homosexuelle Menschen gehören getötet. Ist ja widerlich.“) an den virtuellen Pranger gestellt wurde, soll deswegen ihren Job verloren haben. Manche meinen nun, die virtuelle Lynchjustiz sei damit zu weit gegangen. Darüber wird nun diskutiert.
Was mich dabei nun wundert: Habe ich etwas verpasst oder sind bisher jene Spezialisten noch nicht auf den Plan getreten, die einst in die Beschneidungsdebatte dahingehend intervenierten, jede Kritik an der Körperverletzung an männlichen Kindern für antisemitisch (und islamophob) zu erklären, weil doch Juden (und Muslime) ihre Knaben beschneiden?
Eigentlich müssten dieselben Durchblicker doch jetzt hervorheben, dass Kritik an Homophobie in der oben genannten Art auch wieder nur antisemitisch ist. Denn schließlich unterscheidet sich die inkriminierte Äußerung („Homosexuelle Menschen gehören getötet. Ist ja widerlich.“) nicht wirklich von der hebräischen Bibel: „Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.“ (Lev 18,22) und „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.“ (Lev 20,13) Die Todesstrafe für (männliche) homosexuelle Aktivitäten wird im Talmud bestätigt.
Wer also die Forderung, Homosexuelle sollten getötet werden, weil sie (oder ihre Handlungen) widerlich seien, für verachtenswert erklärt, erklärt demnach einen Teil der Tora und des Talmud für verachtenswert. Kurz gesagt: Anti-Homophobie ist Antisemitismus.
Seltsam, dass meines Wissens noch niemand so argumentiert. Läge doch nahe. Zumindest für die üblichen Verdächtiger.

Sonntag, 7. Juni 2015

Wofür und wogegen?

Trotz des massiven Propagandaeinsatzes für die Homo-Ehe hat sich die Einstellung der Bevölkerung in Deutschland zu diesem Thema in den letzten anderthalb Jahrzehnten kaum verändert. Zwei Drittel der Leute seien dafür, dass Schwule Schwule und Lesben Lesben heiraten dürften, wird einem dieser Tage immer wieder versichert. Das war allerdings 2001 auch schon nicht anders. Damals hatte Eurogay eine repräsentative Studie bei Emnid in Auftrag gegeben, über die berichtet wurde: „Auch die Homo-Ehe finden die meisten Männer (61 Prozent) und Frauen (72 Prozent) gut. Inzwischen würden 20 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen es sogar nicht mehr negativ bewerten, wenn das eigene Kind homosexuell wäre.“
Solche Zahlen werden gern in Jubelmeldungen eingebaut: „Praktisch in allen Bereichen zeigt sich den Emnid-Zahlen zufolge eine für Homosexuelle positive Entwicklung.“ Wer rechnen kann, kommt freilich zu etwas anderen Schlüssen.
Wenn 61 Prozent der Männer und 72 Prozent der Frauen die Homo-Ehe befürworten, zugleich aber 80 Prozent der Männer und 67 Prozent der Frauen es negativ bewerten würden, wenn das eigene Kind homosexuell wäre, dann folgt daraus, dass mindestens 41 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen (wahrscheinlich aber mehr) sowohl die Homo-Ehe befürworten als auch ein Homosexuellsein des eigenen Kindes ablehnen.
Mit anderen Worten: für nicht wenige Leute sind Befürwortung der gleichgeschlechtlichen Ehe und Homophobie kein Widerspruch.
Gewiss, die Zahlen stammen aus dem Jahr 2001. Inzwischen haben noch mehr Leute noch besser gelernt, was sie antworten müssen, um sich auf der sicheren Seite, der Seite der Mehrheit zu fühlen. Nur ungern geben die Leute nämlich Einstellungen bekannt, von denen sie wissen, dass sie damit gegen den gesellschaftlichen Konsens verstoßen. (Weshalb zum Beispiel Rassisten sich gern als Stimme der schweigenden Mehrheit vorstellen: Das muss man doch sagen dürfen.)
Es empfiehlt sich darum, den Leuten auch nach neueren Zahlen nicht zu glauben, wenn sie angeben, sie hätten gegen Homosexuelle keine Vorbehalte, solange viele von ihnen diese Vorbehalte doch sehr wohl zugeben, für den Fall, dass das eigene Kind homosexuell wäre.
Und schon gar nicht darf man aus der Befürwortung der Homo-Ehe eine Befürwortung von Homosexualität herauslesen. Sogar das Gegenteil könnte der Fall sein: Lasst die Schwulen und die Lesben einander heiraten, dann haben wir sie unter Kontrolle, und sie machen sich nicht mehr an unsere Kinder heran.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Merry men, don't marry

Habe ich je bestritten, dass ich ein Romantiker bin? Selbstverständlich geht es mir gegen den Strich, wenn Robin Hood den Wald verlässt, in ein Reihenhaus in Nottingham zieht, den Sheriff heiratet und einen Laden für Bogenschützenbedarf eröffnet. Mir schien schon die hinzugedichtete Maid Marian eine unzulässige Heterosexualisierung der Legende. Dem Einwand, dass nie alle, die unter der Herrschaft des Prinzen litten, Geächtete waren, erwidere ich: Selbstverständlich nicht, das waren unter ihnen nur die Besten!

Mittwoch, 3. Juni 2015

Ein Vater, ein Sohn und die Homo-Ehe

Einer der vielen, die unablässig für die „Homo-Ehe“ trommeln, schreibt in einem sozialen Netzwerk: „Mein Vater hatte ein Riesenproblem mit meinem Schwulsein. Wir haben Jahre über dieses Thema gestritten. Als mein Mann und ich 2001 unsere Lebenspartnerschaft geschlossen haben, schrieb er mir eine Karte: ‘Als du 16 warst brach meine Welt entzwei, heute ist sie wieder heil geworden.’ Auf seinem Totenbett äußerte er einen letzten Wunsch: ‘Ihr beide müsst mir versprechen, dass ihr zusammenbleibt!’ Mein Leben hat er wahrscheinlich nicht in seiner Gänze verstanden. Aber wenn ich heute für die Öffnung der Ehe kämpfe, dann tue ich es auch im Gedenken an ihn.“
Peinlicher geht es kaum. Dabei ist nicht die Veröffentlichung von Privatem das Unangenehme, sondern dass der Verfasser dieser Notiz das Politische am von ihm preisgegebenen Persönlichen so völlig missdeutet, obwohl offensichtlich ist, das gerade das Gegenteil von dem, was er um jeden Preis wahrhaben will, der Wirklichkeit entspricht.
Ein Vater hat etwas dagegen, dass sein Sohn schwul ist. Das ist die von wenigen Ausnahmen bestätigte Regel. Manche Schwule versöhnen sich nie mit ihren Vätern, manche erlangen eine Art Duldung, hin und wieder mag es zu einem mehr oder minder freudigen Akzeptieren kommen. Nicht die Ablehnung des Schwulseins des Sohnes durch den Vater ist hier also das Besondere, sondern die Weise, wie der Vater sie überwindet. Die Entdeckung, dass der eigene Sohn nicht heterosexuell ist, wurde vom Vater als Beeinträchtigung seines Weltverhältnisses erlebt („brach meine Welt entzwei“), dass der Sohn Jahre später eine Lebenspartnerschaft schließt, stellt die richtigen Verhältnisse wieder her, die Welt des Vaters ist „wieder heil geworden“.
Dem Sohn stellt sich dies anscheinend als Umkehrung der Verhältnisse dar: erst Ablehnung, dann Zustimmung. Das Gegenteil ist der Fall. Ganz offensichtlich hat sich nicht die Einstellung des Vaters geändert, sondern der Gegenstand seiner Wertung. Die Homosexualität des Sohnes, die er als Nichtheterosexualität, als Bindungslosigkeit, als ungeordnetes Leben empfand, lehnte der Vater ab; den Eintritt in geordnete Verhältnisse, die staatliche Registrierung einer Partnerschaft, die Imitation von Heterosexualität befürwortete der Vater sehr.
Anders gesagt, Homosexualität, die etwas grundsätzlich anderes ist als Heterosexualität, wies der Vater entschieden zurück, einer Homosexualität aber, die sich, was die paarweise Lebensweise betrifft, nicht von Heterosexualität unterscheidet, stimmt der Vater entschieden zu.
Der sich durchhaltende „homophobe“ Impuls entgeht dem Sohn völlig. Dass nicht die Ablehnung der Homosexualität durch den Vater sich gewandelt hat, sondern seine, des Sohnes, Weise, Homosexualität zu konzipieren, zu präsentieren, zu praktizieren, versteht er nicht. Es ist wohl kein unzulässiges Herumpsychologisieren, wenn man unterstellt, dass es gerade der (unbewusste) Wunsch ist, die Zustimmung des Vaters zur eigenen Lebensweise doch noch zu erlangen, der den Sohn dazu gebracht hat, diese seine Lebensweise am heterosexuellen Modell zu orientieren.
„Wenn ich heute für die Öffnung der Ehe kämpfe, dann tue ich es auch im Gedenken an ihn.“ Das ist zweifellos richtig. Es bedeutet nur das Gegenteil von dem, was der „Kämpfer“ meint. Die „Ehe-Öffnung“ — ein unsäglich unehrlicher Ausdruck, der verschleiern soll, dass zwecks Ausgleichs einer nicht bestehenden Ungleichheit Sonderrecht geschaffen und damit der herkömmliche Begriff von Ehe durch einen anderen ersetzt werden soll —, die „Ehe-Öffnung“ also oder, redlicher gesagt, die Durchsetzung der Homo-Ehe ist dem Sohn deshalb ein Anliegen, weil er damit die Ablehnung des Vaters rückwirkend in Zustimmung umwerten zu können erhofft. Er ist durchaus bereit, dafür den Preis zu zahlen: Seine Selbstbestimmung darüber, in welchen Formen er Beziehungen zu Männern unterhält, aufzugeben zugunsten der Einwilligung in eine, der Rechtsform nach, monogame Lebenspartnerschaft nach dem Vorbild von Mama und Papa. (Nicht notwendig den tatsächlichen Eltern, sondern Mama und Papa als Archetypen.)
Was muss dieser Vater für ein grässlicher Mensch gewesen sein! Nicht, weil er etwas gegen Homosexualität hatte; das ist normal, schließlich war er selbst heterosexuell, und Heterosexualität beruht immer auf unterdrückter Homosexualität. Zuwider muss einem der Mann sein, weil er, noch dazu erpresserisch auf dem Totenbett, dem Sohn und dessen Partner ein Versprechen abverlangt, dass diese weder geben können mussten noch geben dürfen hätten. Das Versprechen des Zusammenbleibens ist nämlich entweder eine Zusage über etwas, worüber man nicht verfügt, denn man kann nicht vorhersagen, ob man in späterer Zeit noch zusammensein will, oder es ist bloßes Gerede, weil man etwas zusagt, das zu halten man ohnehin gar nicht vorhat. Und was muss der Sohn für ein komischer Kerl sein, wenn er bereit war, sich ein solches Versprechen abpressen zu lassen! Warum überhaupt gilt ihm die Zustimmung oder Ablehnung des Vaters so viel? Warum hat er sich nie emanzipiert (was ja wörtlich einmal bedeutet hatte: aus der Verfügungsgewalt des Vaters entlassen werden)?
Was sie für einander in Zukunft empfinden werden, können zwei Menschen einander nicht versprechen — und schon gar nicht Dritten (die derlei deshalb auch nicht fordern dürfen). Freilich können sie einen Vertrag darüber schließen, was sie im Verhältnis zum jeweils anderen auch künftig tun und lassen müssen. Das unterscheidet Liebesbeziehungen von Rechtsverhältnissen. Beides zu vermengen zeichnet die Debatte um die Homo-Ehe aus, etwa wenn gefordert wird: Gleich viel Recht für gleich viel Liebe.
Die Liebe, die der Sohn sich sichern will, ist offensichtlich die des Vaters. Für sie verrät er seine Freiheit und die seines „Partners“ an herrschende Denkweisen und traditionelle Modelle des Zusammenlebens. Nichts ist gegen Verbindlichkeit oder auch gegen Versprechen und Verträge einzuwenden. Auch wenn es wohl menschenwürdiger ist, dass zwei Menschen sich, wenn schon, immer wieder neu für einander entscheiden, statt zusammenzubleiben, weil es so im Vertrag oder im Gesetz steht. Warum aber müssen Verträge, Versprechen, Verbindlichkeit ausgerechnet nach dem Vorbild der heterosexuellen Monogamie gemodelt werden? Das zeugt nicht nur von Einfallslosigkeit und Feigheit, sondern vor allem auch von einem fundamentalen Konformismus, der sich aus dem verborgenen Quell internalisierter Homophobie speist: Schau her, Papa, ich bin ganz brav! Ich bin zwar schwul, aber dabei genau so ein Spießer wie du!

Montag, 1. Juni 2015

If Jean Genet were alive today he’d burn the rainbow flag!

Durch Zufall habe ich im Internet eine paar Sätze gefunden, die mir so gefallen, dass ich sie hier zitieren möchte. Die Sätze sind drei Jahre alt und ihr Verfasser leider unter seinem damaligen account nicht mehr zu erreichen. Da ich also nicht seine Zustimmung dafür einholen kann, ihn zu zitieren und zu übersetzen (was allerdings rechtlich unproblematisch sein dürfte, da das Zitierte öffentlich zugänglich ist), nenne ich nicht den Namen, den er damals angegeben hatte, sondern nenne ihn einfach A.
Dieser A. also schreibt als Kommentar zu einem Artikel über den Einsatz des irischen Regierungschefs für die Homo-Ehe:
Was für eine Nebelkerze! Gesetzgebung für eine häufig privilegierte Minderheit, während ein Großteil der Bevölkerung verschuldet ist und nicht über die Runden kommt. Warum organisieren sie nicht ein Referendum und lassen ein für allemal das Volk entscheiden, um dann wieder ernstzunehmende Themen anzugehen wie die Arbeitslosigkeit? Außerdem ist es schon komisch, wenn „Schwule“ (also bürgerliche Homosexuelle) behaupten, sie seien stolz auf ihre sexuelle Orientierung, aber dennoch um Anerkennung ihrer Anständigkeit durch die Mehrheit betteln und darauf bestehen, den vorherrschenden heterosexuellen Lebensstil nachzuäffen (heiraten, Kinder kriegen). Wenn Genet noch lebte, würde er die Regenbogenflagge verbrennen!! (1)
Selbstverständlich macht man sich mit solchen Bemerkung keine Freunde. Schon gar nicht im Kommentarbereich einer Internet-Seite. „Kriech wieder unter den Stein, unter dem du hervorgekommen bist“, lautet etwa eine Bemerkung. (2) „Wenn’s dir nicht passt, geh doch nach Saudi-Arabien“, eine andere. (3) Oder schlicht: „Du bist einfach nur dämlich.“ (4) Doch A. lässt sich durch solche Angriffe nicht einschüchtern und geht sachlich und heiter auf das ein, was man für Argumente halten könnte.
Wenn beispielsweise B. (auch er wie alle anderen wird hier von mir nicht mit seinem angegebenen Namen genannt) sagt: „Ich verstehe nicht, warum schwul sein und von der Mehrheit akzeptiert werden, miteinander unvereinbar sein sollen. Wie ja wohl auch heiraten und Kinder kriegen der Wunsch jedes Paares ist, ob nun schwul oder hetero?“ (5), so antwortet A. darauf:
Du unterlässt es zu sagen, dass Homosexualität, wie Genet es formulierte, von Grund auf krankhaft ist und Schwule sich weigern, sich das einzugestehen. Mir geht es darum, dass „Schwule“ nur für sich selbst sprechen. Manche Homosexuelle kümmern sich nicht darum, was die Leute von ihnen denken und würden eher subversiven Gestalten wie Genet oder Pasolini nacheifern. (6)
Kein Wunder, dass A. gehasst wird, wenn er, Jean Genet wiedergebend, Homosexualität als intrinsically morbid bezeichnet! Er geht allerdings auch gar nicht darauf ein, was Morbidität hier denn eigentlich heißen soll; es scheint ihm nur darum zu gehen, dass Homosexualität eine grundsätzliche Abweichung darstellt, also etwa eben per definitionem nicht Normales.
Die Unterscheidung von „Schwulen“ und „Homosexuellen“, die A. vornimmt, ist zumindest bemerkenswert. Dabei scheint es einerseits darum zu gehen, denen das Recht abzusprechen, im Namen aller sich homosexuell Betätigenden zu agieren, die sich öffentlich als eben deren Vertretern präsentieren. Angesichts des Missverhältnisses der geringen Mitgliederzahlen von LGBTIsternchen-Verbänden und der anzunehmenden Zahl derer, die als Männer Männer begehren und als Männer Sex mit Männern haben, ein durchaus nachvollziehbare Differenzierung.
Andererseits unterscheidet A. damit auch eine auf Anpassung gerichtete Einstellung zum eigenen Homosexuellsein von einer Haltung, die sich nicht darum schert, was die Gesellschaft von homosexuellen Praktiken hält — eine für A. vorbildliche (oder zumindest als Vorbild wirken könnende) Haltung, die er den klassischen Nonkonformisten Genet und Pasolini zuschreibt. Eine recht ähnliche Unterscheidung nehmen mit anderen Worten übrigens auch die vor, die zwischen (bürgerlichen, konformistischen) gays und und (nonkonformistischen, libertären) queers unterscheiden. (7)
Nicht alle freilich teilen A.s gesellschaftskritischen Zugang. So schreibt jemand, der hier C. heißen soll: „Äh, Gleichheit hat nichts mit der Wirtschaft zu tun.“ (8) Statt C. nun wegen solch offensichtlichen Unsinns über den Mund zu fahren, erwidert A. ganz ruhig:
Es besteht hier keine Ungleichheit in dem Sinne, dass der Staat sexuelle Orientierung nicht anerkennt (jedenfalls soweit ich weiß). Ein Bürger, ob heterosexuell oder homosexuell, hat dieselben Rechte und erfährt dieselben Beschränkungen, das heißt er kann eine Person des anderen Geschlechtes heiraten, aber nicht des gleichen Geschlechtes, also besteht aus streng juristischer Sicht keine Ungleichheit. Außerdem, was soll das mit dem Heiraten, wenn seine Miete nicht bezahlen kann oder keinen Job findet. (9)
Darauf antwortet C.: „Vielleicht bin ich ein Romantiker, aber ich dachte, die Leute würden heiraten, weil sie sich ‘lieben’. Bei dir klingt es so scheußlich nach einer geschäftlichen Vereinbarung. Ein misslungenes Argument ist ein Misserfolg.“ (1o) Dem erwidert A.:
Sei so gut und zeig mir bitte, inwiefern mein Argument „misslungen“ ist. Nur weil du etwas behauptest, ist es noch nicht wahr. Wir leben nicht in einer Harry-Potter-Welt und es gibt keinen Zauberstab. Historisch betrachtet sind „Liebes“-Ehen etwas Junges. In früheren Zeiten wurden Ehe arrangiert, was nicht unbedingt heißt, dass es Zwangsehen waren. Wenn es bei eine Ehe nur um „Liebe“ geht, sollen wir dann auch Vielmännerei (Polyandrie) und Vielweiberei (Polygamie) legalisieren, weil polyamorische Leute behaupten, dass sie mehrere Leute zu selben Zeit lieben. (11)
Dem, der ihn unter den Stein, unter dem er hervorgekrochen sei, zurückwünschte und hinzusetzte: „Ein pathetischer Versuch, das Thema auf Wirtschaftliches umzulenken. Warum hast du nicht den Mumm zuzugeben, dass du gegen die Ehe für schwule Menschen bist (ich mag das Wort Homo-Ehe nicht, weil es in und an sich selbst eine Differenz impliziert) aus religiöser Überzeugung?“ (12), erwiderte A.:
Es ist beides und ich wohne nicht unter einem Stein. Außerdem habe ich ein Recht auf meine religiösen Glaubensvorstellungen, ob es dir gefällt oder nicht. Und ich habe auch das Recht, schöpferischen Einzelnen wie Genet, Abu Nuwas oder Pasolini mehr Achtung entgegenzubringen als einer Unzahl konformistischer bürgerlicher Homosexueller. (13)
Ein anderer, hier D. genannt, ruft empört: „Wovon zur Hölle redest du? Schwule Menschen sollten heiraten dürfen, wen sie wollen. Jemanden vom anderen Geschlecht heiraten zu können, weil Heteros das können, ist nicht dasselbe! Und was hat das alles mit der Wirtschaft zu tun? Ich bin schwul, ich bin abgebrannt, ich zahle meine Hypotheken SELBER zurück, wofür ich hart kämpfen muss, ich habe keinen bourgoisen Lebensstil, ich bin [von der Wirtschaftslage] betroffen wie alle anderen, aber warum sollte ich nicht ganz offiziell heiraten dürfen, wer auch immer der Glückliche einmal sein wird? Wenn’s dir nicht passt, geh doch nach Saudi-Arabien!“ (14)
Dem hält A. entgegen: Als irischer Staatsbürger, der du, wie ich annehme, bist, hast du das Recht, eine Person des anderen Geschlechtes zu heiraten. Ich bin auch irischer Staatsbürger und kann keine Person desselben Geschlechts heiraten. Wir haben also, wie du siehst, dieselben Rechte und unterliegen denselben Beschränkungen. Mit bürgerlich (bourgeois) meine ich konformistisch und um Anerkennung der eigenen Anständigkeit bettelnd. (15)
Nun rastet D. aus: „Also gut, du bist eindeutig einfach ein Idiot! Es geht um die Wahl, zu heiraten, wen man will, wie Heteros es können. Du hast kein Recht mir vorzuschreiben, ob ich das tun darf. Ich halte meine Sexualität (mit der ich geboren wurde) nicht anderen Leuten unter die Nase, was dein Problem zu sein scheint (und ziemlich engstirnig ist), aber mir stehen dieselben Rechte zu wie so einem privilegierten Idioten, wie du einer bist. Ich bin kein Jude in Nazideutschland vor dem Krieg!“ (16)
Darauf A.: Vielen Dank für die Beschimpfung, ich liebe dich auch. Bist du für gleichgeschlechtliche Ehen oder für homosexuelle Ehen? Das ist schlechterdings nicht dasselbe. Im ersten Fall wird vom Staat nicht zwischen Hetero- und Homo-Bürgern unterschieden. Folglich gibt es keine Gleichheit. Es gibt nicht nur EINE Art von Staatsbürgerschaft. Zum zweiten Fall gehört, dass der Staat deine sexuelle Orientierung kennt [anerkennt]. Möchtest du wirklich, dass deine sexuelle Orientierung in deinem Pass angeführt wird? Dann könnte man gleich den Rosa Winkel wieder einführen … (17)
Und auf den Vorwurf, er wolle anderen etwas vorschreiben (dictate), antwortet A.: Inwiefern zwinge ich anderen meine Meinung auf? Glaubst du wirklich, ich hätte irgendwelche Macht? Ich habe ein Referendum zu der Sache vorgeschlagen. Lasst das Volk entscheiden, ob die Ehe auch auf gleichgeschlechtliche Paare ausgedehnt werden soll, und dann weitermachen. (18)
Genau das ist geschehen. Im Mai 2015, drei Jahre nach der Diskussion, aus der ich hier zitiert habe, hat das von A. geforderte Referendum stattgefunden und eine Mehrheit der Abstimmenden (die allerdings nur 37,6 Prozent der Stimmberechtigten umfasste) befürwortete eine Verfassungsänderung, die die Ehe von einer Verbindung von Mann und Frau umdefinierte zu einer Verbindung möglicherweise auch von zwei Männern oder zwei Frauen.
Fasst man die Kommentare von A. (und die Reaktionen darauf) zusammen, so stellt man fest, dass er, ob er nun heterosexuell ist oder nicht, die Hauptkritikpunkte an der Homo-Ehe sehr gut erfasst hat: Damit soll eine Ungleichheit beseitigt werden, die gar nicht besteht, weil bisher auch heterosexuelle Männer keine Männer heiraten konnten, nicht nur homosexuelle. Erst Homo-Ehe (die schon damals manche nicht so genannt hören wollten, weil sie die völlige Neuerung gegenüber der bisherigen Ehe unterschlagen wollten) führt das Kriterium der sexuellen Orientierung ein und schafft damit völlig neues Recht (nämlich ein Sonderrecht für Homosexuelle). Das ist für die meisten Homosexuellen in der Praxis allerdings völlig uninteressant, sondern nur für eine wohlhabende bürgerliche Minderheit von Schwule von wirtschaftlichem Interesse, die damit steuerrechtliche, versicherungsrechtliche, erbrechtliche usw. Vorteile erlangen wollen. Und es geht um die Symbolik: Schaut her, wir leben unsere Beziehungen genauso brav und spießig wie die Heteros. Dieses Streben nach Respektabilität verträgt sich nun aber in keiner Weise mit dem immer wieder beschworenen gay pride.

1 What a red herring. Legislating for an often privileged minority when most of the population is in debt and can’t make ends meet. Why don’t they organise a referendum once and for all and let the people decide then tackle serious issues such as unemployment? Furthermore, it’s funny the way ‘gays’ (read homosexual bourgeois) claim to be proud of their sexual orientation yet crave mainstream respectability and persist in aping the dominant heterosexual lifestyle (getting married, having kids). If Jean Genet were alive today he’d burn the rainbow flag!!
2 Get back under that rock you crawled out from under.
3 If you don’t like it move to Saudi Arabia!
4 Youre clearly just an idiot!
5 I don’t see why being gay and wanting mainstream acceptance are mutually incompatible.
As for wanting to get married and raise children, surely those are the desires of any loving couple, gay or straight?
6 You fail to say that homosexuality is, as Genet put it, intrinsically morbid and gays refuse to own up to that. My point is that ‘gays’ only speak for themselves. Some homosexuals don’t care what people think of them and would rather emulate subversive figures such as Genet or Pasolini.
7 Siehe etwa Queer Critiques Of Gay Marriage.
8 Er, equality has nothing to do with the economy.
9 (…) there is no inequality here in the sense that the State does not recognise sexual orientation (to my knowledge anyway). A citizen heterosexual or homosexual has the same rights and suffers from the same limitations i.e they can marry a person of the opposite sex but not of the same sex so from a strictly LEGAL point of view there is no inequality. Also what’s the point of getting married if you can’t afford to pay your rent or can’t find a job.
10 Call me a dreamy romantic, but I thought people married cuz they were “in love”. You make it sound awfully like some horrible business agreement. Flop argument is flop.
11 (…) kindly point out where my argument is ‘flop’. Just because you say something doesn’t make it true. This is not Harry Potter’s world and there is no magic wand. Historically ‘love’ marriages are a recent thing. In the past most marriages were arranged which doesn’t necessarily mean forced. If marriage is only about ‘love’ should we also legalise polyandry and polygamy as polyamorous people claim to love several people at the same time.
12 A pathetic attempt to deflect this issue back onto the economy. Why don’t you grow a pair and say that you are against marriage for gay people (I don’t like the term ‘gay marriage’ as in and of itself implies difference) based on your religious convictions?
13 (…), it is both and I don’t live under a rock. I am entitled to my religious beliefs whether you like it or not. I am also entitled to have more respect for creative individuals like Genet, Abu Nuwas and Pasolini then a shower of conformist bourgeois homosexuals.
14 (…), what the hell are you taking about? Gay people should be allowed Marty [to marry] who ever they want. Being able to marry the opposite sex cos hetros can is not the same! Also what the hell has this to do with the economy? I’m gay, I’m broke, I’m paying a mortgage ON MY OWN which I’m struggling with, I don’t have a bourgeois lifestyle, I’m suffering like everyone else but why shouldn’t I be allowed to officially marry whoever the lucky lad happens to be? If you don’t like it move to Saudi Arabia!
15 (…), as an Irish citizen which I assume you to be, you are entitled to marry a person of the opposite sex. I am an Irish citizen too and cannot marry a person of the same sex if I wanted too. So you see we have the same rights and restrictions. When I say bourgeois I mean conformist and respectability craving.
16 Right (…), youre clearly just an idiot! It’s about having the choice to get married to who we wish like straights can do. You have no right to dictate whether I should be allowed to do this. I don’t rub my sexuality (which I was born with) in other peoples faces which seems to be you’re problem (narrow minded much) but I still deserve the same rights as idiots like yourself are privileged to have! I’m not a Jewish person in prewar nazi Germany!
17 (…), thanks for the abuse I love you too. Do you support same sex marriage or homosexual marriage? They are actually not the same thing. In the first case the state doesn’t differentiate between straight and gay citizens. As a result there is no equality. There is no[t] only ONE type of citizenship. The second case entails that the state recognises your sexual orientation. Do you really want your sexual orientation to be specified on your passport? That would be going back to the pink star all right…
18 (…), how I am forcing my opinions on others? Do you actually think I have any power? I even suggested a referendum on the topic. Let the people decide if marriage should be extended to same-sex couples and let’s move on.

Montag, 25. Mai 2015

Zahlen aus Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland bestanden 2012 geschätzte 73.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Das umfasst keineswegs nur schwule oder lesbische Paare. Auch zwei Studenten oder zwei Studentinnen, die sich aus Kostengründen eine Wohnung teilen, sind beispielsweise in dieser Zahl enthalten. Eingetragenen Partnerschaften gab es im Jahr 2013 rund 35.000.
Der Zahl derer, die älter sind als 18 Jahre und jünger als 80, beträgt (nach unten gerundet) etwa 60 Millionen. Der Anteil der (2013) bereits eingetragen Verpartnerten 70.000 an diesen 60 Millionen beträgt 0,12 %. Der Anteil der 146.000 in gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften Lebenden (die allerdings nicht alle homosexuell sind) beträgt 0,24 %.
Vorausgesetzt, dass diejenigen, die für sich eine „Homo-Ehe“ wünschen, bereits eingetragen verpartnert sind oder wenigstens zusammenleben, so ist deren Anteil an der erwachsenen Bevölkerung mit weniger als einem Viertelprozent nicht besonders hoch — gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit, die diesem Thema gewidmet wird, und an dem Nachdruck, mit dem (selbsternannte) Vertreter und Vertreterinnen der LGBTIQsternchen die Forderung nach einer „Öffnung der Ehe“ erheben.
Und noch ein paar Zahlen. Den rund 18 Millionen Alleinstehenden standen 2012 rund 47 Millionen gegenüber, die als Paare mit und ohne Kinder lebten. Der Anteil der paarweise Lebenden betrug also über 72 %.
Nimmt man an, dass der Anteil der Homosexuellen an der Bevölkerung mindestens 1 % beträgt, so wären die 146.000 in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften Lebenden (die wie gesagt gar nicht alle homosexuell sind) weniger als ein Viertel. Wenn man, wie oben, 60 Millionen in Frage kommende Erwachsene ansetzt; rechnet man allerdings mit höherer in Frage kommender Gesamtbevölkerung oder setzt man den Anteil der Homosexuellen höher an, wird aus dem schwachen Viertel immer weniger.
Anders gesagt, während in der Gesamtbevölkerung rund drei Viertel in Paarbeziehungen leben, sind es unter Schwulen und Lesben im Höchstfall weniger als ein Viertel.
Die Erklärungen dafür liegen auf der Hand. Und es darf durchaus auch angenommen werden, dass viele Schwule und Lesben, die nicht Teil eines Paares sind, wünschen, es wäre anders. Doch dem sei, wie es wolle, Tatsache ist, dass unter den gegebenen Bedingungen sowohl Eingetragene Partnerschaft wie gleichgeschlechtliche Ehe nur für eine Minderheit in der Minderheit irgendeine lebenspraktische Bedeutung haben.

Sonntag, 24. Mai 2015

Zahlen aus Irland

In der Republik Irland gingen in den 2011 bis 2014 genau 1.695 Paare eine gleichgeschlechtliche Civil Partnership ein, also 3.390 Menschen. Die Bevölkerung der Republik Irland wird auf 4,6 Millionen geschätzt. Der Anteil der gleichgeschlechtlich Verpartnerten an der Bevölkerung beträgt also rund 0,07 %. 
Selbst wenn man in Betracht zieht, dass Kinder sich nie und Greise sich eher selten verpartnern werden, und darum den Anteil großzügig verdoppelt, kommt man nur auf etwa anderthalb Promille. 
Man kann also nicht sagen, dass die Verfasserungsänderung, die Eheschließungen auch zwischen Männern und zwischen Frauen ermöglichen wird und die jüngst von 1.201.607 der Abstimmungsberechtigten befürwortet wurde (das sind rund 37,6 %, rund 23 % stimmten dagegen), eine große Zahl von Menschen betrifft.
Anders gesagt, die heterosexuelle Mehrheit hat der homosexuellen Minderheit ein Recht eingeräumt, von dem diese vermutlich nur in sehr geringer Zahl Gebrauch machen wird. Demzufolge wird in einigen Jahren aus dem verfassungsmäßigen Recht eine strafbewehrte Pflicht gemacht werden müssen: Jede homosexuelle Aktivität außerhalb der Homo-Ehe ist zu verbieten. Nur so kann man diese Leute zu ihrem Glück zwingen. Wäre ja auch noch schöner, wenn ausgerechnet die Homosexuellen sich der Aufklärung entzögen, die westlichen Werte mit Füßen träten und einfach unverheiratet blieben!

Mittwoch, 8. April 2015

Der „Vatikan“ mal wieder …

Verschwörungstheorien sind bekanntlich am schönsten, wenn man irgendwie die katholische Kirche einbauen kann. Während also derzeit die Spekulationen ins Kraut schießen, warum Laurent Stefanini sein Amt als Botschafter der französischen Republik noch nicht angetreten hat, hier zwischendurch ein entscheidender begrifflicher Hinweis: Es gibt keinen einzigen Botschafter „im Vatikan“. Dort wäre für all die Diplomaten der Staaten, die beim Papst vertreten sein wollen, auch gar kein Platz. Was es gibt, sind Vertreter „beim Heiligen Stuhl“. Der Heilige Stuhl, dass ist der Papst selbst, als eigenständiges Völkerrechtssubjekt. Also das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ihren eineinviertel Milliarden Mitgliedern, nicht irgendein „Zwergstaat“ (wie z.B. queer.de schreibt). 
Das wäre das. Und was die Behauptung angeht, Stefanini (der bereits 2001-05 der französischen Botschaft beim Hl. Stuhl angehörte) werde „vom Vatikan“ nicht akzeptiert, weil er schwul sei, so halte ich das für ziemlich unwahrscheinlich. Gemäß dem Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen sondiert der entsendende Staat vor der Ernennung eines Botschafters, ob dieser dem Empfängerstaat genehm ist oder nicht. Da Stefanini (wenn die Meldungen stimmen) bereits ernannt ist (und nicht bloß in vertraulicher Form vorgeschlagen), kann das päpstliche Einverständnis eigentlich vorausgesetzt werden. Warum auch sollte Präsident Hollande den Papst mit einer persona non grata brüskieren, wenn er doch Stefanini, der als Spezialist für ökologische Themen gilt, gerade deshalb ausgewählt haben soll, um den Schulterschluss mit dem Heiligen Stuhl etwa beim Pariser Klimagipfel im Dezember 2015 zu suchen?
Tatsache ist, dass Stefanini derzeit noch einen anderen Job hat, er ist Protokollchef im französischen Außenministerium. Sein Amtsantritt in Rom ist für Juli vorgesehen. Bis dahin ist also noch Zeit genug, wild darüber zu spekulieren, warum er nicht schon im April oder Mai im Vatikan (hier passt das Wort ausnahmsweise einmal, weil der Gebäudekomplex gemeint ist …) vorstellig wird. Das kann doch nur an der wohlbekannten Homophobie der katholischen Kirche liegen!