Donnerstag, 20. Februar 2014

Notiz über Moral

Lange Zeit galt es als selbstverständlich, dass Homosexualität, also die sexuelle Präferenz von Männern für Männer (oder von Frauen für Frauen), etwas Schlechtes ist. Man sah darin Sünde, Krankheit, Geistesstörung oder Verbrechen. Mittlerweile herrscht jedoch vielfach die Überzeugung vor, dass Homosexualität nichts Schlechtes ist und weder der Vergebung noch der Heilung noch der Bestrafung bedarf.
Lange Zeit galt es als selbstverständlich, dass Päderastie, also die sexuelle Präferenz Erwachsener für Minderjährige, nichts Schlechtes sei. Man sah darin etwas pädagogisch Wertvolles und kulturell Bereicherndes. Mittlerweile herrscht jedoch vielfach die Überzeugung vor, dass Päderastie (jetzt als Pädophilie und Pädosexualität auf den Begriff gebracht) etwas Schlechtes ist und der Therapie und Bestrafung bedarf.
Jede Zeit, die meint, etwas besser zu wissen als andere Zeiten vor ihr, sollte bedenken, dass nach ihr womöglich eine Zeit kommt, die über sie und ihr vermeintlich sicheres Wissen urteilt. Was in einer Zeit als selbstverständlich gilt und gar nicht anders gedacht werden kann, kann in einer anderen Zeit als blinder Fleck und Ort schwerer Irrtümer gelten.
Moral auf veränderliches Wissen zu gründen („Damals glaubten die Leute … Heute wissen wir es besser“), ist unethisch. Denn es setzt die, deren Handeln als unmoralisch sanktioniert wird, dem Risiko aus, bloß Opfer der Machtbedingungen zu sein, unter denen Wissen artikuliert wird. Genau das passiert zwar dauernd, aber diese schlechte Gewohnheit rechtfertigt nicht die Überheblichkeit derer, die sich gerade auf der sicheren Seite wähnen.
Ethik hätte sich auf Grundsätze zu berufen, die immer und überall gültig waren und gültig sein werden. Welche das sind, mag umstritten sein. Sie durch die Kontingenz des jeweils zeitgenössischen Besserwissens zu ersetzen, ist jedoch keinesfalls eine akzeptable Lösung.