Dienstag, 11. Juni 2013

Aufgestöbert (bei Dirck Linck)

Mich stört dieser entsetzliche Narzissmus der Schwestern. Seit der Teufel die elektronischen Medien erfand, ergießt sich Hassrede um Hassrede auf Arme, Sozialleistungsbezieher, Ausländer, Muslime, Sinti und Roma, Frauen, Asylbewerber, Linke, Straftäter und alles, was nicht auch doof und deutsch ist. Und keine Schwester formulierte den "Den Appell", um ihn dann auch noch ernsthaft mit vollem akademischem Titel zu unterzeichnen. Aber wehe, jemand findet, es sollte SIE besser nicht geben, UNS besser nicht geben. Da liegt der böse Verdacht nicht fern, dass nicht der Hass der Doofen stört, sondern die Tatsache, dass er uns gilt, obwohl WIR ihn (anders als die anderen?) nicht verdient haben. Wir wollen nicht bei den Gehassten sein. Beim Hassen sind WIR im Zweifel aber gern dabei.
Facebook-Kommentar

Montag, 10. Juni 2013

Wider den Tugendterror des „Waldschlösschen-Appells“

Aber nein, nicht doch, dass ist doch keine Zensur, man will doch bloß, dass manche Dinge nicht mehr öffentlich gesagt werden dürfen. — Worum geht es? Einige „schwule und lesbische JournalistInnen und BloggerInnen“ haben unlängst den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ formuliert, mittels dessen sie sich dagegen wehren wollen, „dass Argumentationsmuster, die der Diffamierung der Identität Homosexueller dienen, weiterhin als ‘Debattenbeiträge’ oder ‘Meinungsäußerungen’ verharmlost werden“. Was diese geheimnisvolle „Identität Homosexueller“ eigentlich ist, wer derlei hat, haben will oder braucht, geht aus dem Appell leider nicht hervor. (Ich persönlich, falls es jemanden interessiert, komme seit jeher prima ohne homosexuelle Identität oder Identität als Homosexueller zurecht, weil mich Statuszuschreibung weniger interessieren als reale Praktiken, es mir also nicht aufs Schwulsein ankommt, sondern auf die Lust auf Männer und mit Männern.)
Damit aber nicht völlig im Unklaren bleibt, was es mit der „Diffamierung der Identität Homosexueller“ auf sich hat, werden im „Waldschlösschen-Appell“ ein paar Beispiele angeführt für „Aussagen“, die „Angriffe auf die Würde und die Menschenrechte Homosexueller“ sein sollen und die die Medien aus der Sicht der Appellierenden „nicht weiter als Teil des legitimen Meinungsspektrums bagatellisieren“ dürfen:
„Homosexualität sei widernatürlich. Homosexualität sei eine Entscheidung. Homosexualität sei heilbar. Heterosexuelle Jugendliche könnten zur Homosexualität verführt werden. Homosexualität sei eine Begünstigung für sexuellen Missbrauch. Die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Gefahr für die Gesellschaft (etwa, weil durch sie die weniger Kinder geboren werden würden).“
Das wäre geklärt. Und was soll jetzt geschehen? „Wir fordern Journalistinnen und Journalisten dazu auf, 1. solche Aussagen deutlich als diskriminierende Anfeindungen zu kennzeichnen und zu verurteilen (so wie es auch etwa bei rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Anfeindungen geschieht) 2. Vertretern solcher Aussagen keine Plattformen zu bieten, so lange sie sich nicht klar von ihnen distanzieren 3. Homosexuelle in Beiträgen und Diskussionen nicht länger in die Situation zu bringen, sich für ihre sexuelle Orientierung rechtfertigen zu müssen.“
Was ich von all dem halte? Gar nichts. Wer Talkshows schaut, ist selber schuld. Fernsehkonsum ist nicht angeboren, sondern eine Entscheidung. Man kann auch um- oder abschalten. Wasser ist nass und in Talkshows wird Unsinn verzapft. In seiner freudigen Erregung, ein handfeste Diskriminierung entdeckt zu haben, ignoriert der „Waldschlösschen-Appell“ ostentativ, dass bestimmte einschlägige Quasselsendungen vom „Kontroversiellen“ leben. Je abseitiger eine Meinung ist, als desto unterhaltsamergilt sie und entsprechend freaklastig werden die Gesprächsrunden üblicherweise zusammengesetzt. Wären nämlich alle immer eines Sinnes — zum Beispiel: „Homosexuelle sind echt toll und müssen dringend heiraten“ —, gäb’s nichts zu diskutieren.
Der Vergleich mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus ist irrig. Bei diesen besteht ein ausgeprägter, wenn auch nicht lückenloser Konsens darüber, welche Art von Aussagen erlaubt und welche unerlaubt sind. Hinsichtlich Homosexualität besteht ein solcher Konsens nicht. Der „Waldschlösschen-Appell“ ist anscheinend Teil des Versuches, diesen Konsens zu simulieren und von oben her durchzusetzen. Aber einfach alle unerwünschten Äußerungen unter dem Etikett „Homophobie“ zusammenzufassen, um ein Gegenstück zu Rassismus, Sexismus, Antisemitismus zu haben, etwas, das sich niemand nachsagen lassen möchte, muss schon daran scheitern, dass niemand weiß, ob mit dem Ausdruck „Homophobie“ nun ein psychisches Problem, eine politische Einstellung oder eine theoretische Überzeugung bezeichnet werden soll. Oder einfach dummes Gerede.
Was genau macht denn eine Äußerung eigentlich zu einer diskriminierenden? Ist der Satz „Homosexualität ist nicht angeboren“ tatsächlich von derselben Art wie die Sätze „Afrikaner sind faul“, „Frauen sind dümmer als Männer“ oder „Die Juden sind unser Unglück?“. Oder doch eher etwas in Art von „Alle Chinesen sehen gleich aus“, „Männer wollen immer nur das Eine“ und „Juden sind Familienmenschen“. Wer legt eigentlich fest, welche Aussagen über wen ausgrenzend und herabsetzend und welche bloß falsch oder unzulässig verallgemeinernd sind? Kann man das in einem Regelwerk nachschlagen? Oder ist derlei nicht in beständiger Aushandlung begriffen? Müssen denn alle zurechnungsfähigen Menschen dieselben Wahrheiten für ausgemacht halten wie die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des „Waldschlösschen-Appells“?
Nein, müssen sie nicht. Ich für meinen Teil, falls das jemanden interessiert, gestatte mir da einmal mehr eine abweichende Meinung. Ich widerspreche dem Weltbild, das meiner Deutung nach dem „Waldschlösschen-Appell“ zu Grunde liegt und vertrete ein grundsätzlich andere Sicht der Dinge. Die Verfassern und Verfasserinnen des „Waldschlösschen-Appells“ verwechseln ihr eigenes Wissen mit dem, was andere für wahr halten müssen. Wissen ist aber immer mit Macht verschränkt (wie man spätestens seit Foucault weiß). Damit stellt sich für kritische Geister die Frage: Welches Wissen über Homosexualität ist denn nun Herrschaftswissen und dient der Bekräftigung bestehender Verhältnisse und welches ist Gegenwissen, das die herrschenden Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen erlaubt?
Darin immerhin gebe ich dem „Waldschlösschen-Appell“ Recht: Es gibt richtige und es gibt falsche Behauptungen über Homosexualität. Nur welche ist welche? Sollte das zu klären nicht eher Gegenstand als Vorbedingung von Diskussionen sein? Zumal der Umstand, dass eine Aussage falsch ist, meines Wissens noch nie ein Grund dafür war, dass sie in einer Debatte nicht vorgebracht werden durfte. Vernünftig wäre es, Falsches durch Richtiges zu widerlegen. Wer also Wissen hat, das in den Verlauf einer Debatte sinnvoll eingreift, sollte damit nicht hinterm Berg halten. Wenn ein Moderator oder eine Moderatorin sich als sachkundig erweist, geht das auch in Ordnung. Es scheint mir allerdings ein entscheidender Unterschied, ob jemand wirklich etwas besser weiß oder ob einem lediglich etwas nicht ins Weltbild passt.
Die oben zitierten Beispiele dafür, was als unzulässige Meinungsäußerung gelten soll, sind sehr gut gewählt. Vier von sechs angesprochenen Themen (Widernatürlichkeit, Erworbenheit, Heilbarkeit, Verführung) berührend die Frage, was Homosexualität eigentlich ist, zwei (Missbrauch, gesellschaftliche Desintegration), wozu sie angeblich führt. Sind diese Aussagen falsch, muss das Gegenteil stimmen, zusammen ergibt das eine Skizze eines bestimmten Homosexualitätsverständnisses. Demnach ist Homosexualität natürlich, ist keine Entscheidung, sondern wohl angeboren, sie kann darum nicht „weggemacht“ und man kann nicht zu ihr verführt werden, Homosexualität führt nicht zu sexuellem Missbrauch und die Homo-Ehe nicht zu Geburtenrückgang.
Was den letztgenannten Punkt betrifft, so stimme ich völlig zu:  Die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ist bedauerlicherweise keine Gefahr für die Gesellschaft, ganz im Gegenteil, und es steht auch nicht zu hoffen, dass sie als Mittel gegen Überbevölkerung taugt.
Auch an die Heilbarkeit von Homosexualität glaube ich nicht. Man kann niemanden gesund machen, der nicht krank ist. Dass man aber Leute manipulieren kann, bis sie ein X für ein U halten, glaube ich durchaus. Insofern kann man sicher Männern, die eine gesunde Freude am Begehren anderer Männer hatten, diese Freude verleiden und ihnen einreden, sie würden es jetzt doch wieder lieber mit Frauen treiben. Ob man das „Heilung“ nennen kann, ist eine andere Frage.
Was nun die Natürlichkeit der Homosexualität betrifft, so habe ich es immer schon für einen Vorzug homosexueller Handlungen gehalten, dass sie traditionell als widernatürlich angesehen werden. Die Idee nämlich, es existiere „Mutter Natur“, die festlegt, was sein darf und was nicht, ist mir ein Gräuel. Gerade, wenn es so etwas gäbe, was übrigens nicht der Fall ist, müsste man dagegen sein. Denn anständig ist einzig und allein, das zu tun, was gut und richtig ist, und nicht das, was natürlich ist. Das angeblich Natürliche erweist sich stets noch als Projektion sozialer Normen aufs vermeintlich Außergesellschaftliche.
Ich bin also für Widernatürlichkeit. Und auch für „Verführung“? Nun, wenn es Wege gibt, junge Menschen vor dem Terror der Normalität zu bewahren, sie von der Zwangsheterosexualität zu erlösen, in die sie als Untertanen ihrer Zivilisation unweigerlich verstrickt sind, dann sollte man diese unbedingt beschreiten. Wenn man jemanden zu nachhaltiger Homosexualität führen kann, umso besser. Das ist eine ethische Verpflichtung. Nicht, weil die so vorm Übel Bewahrten gefälligst ihre „innere Wahrheit“ zu entdecken haben, zu der sie endlich stehen und die sie korrekt benennen müssen, sondern weil Homosexualität nicht nur nicht weniger wert ist als Heterosexualität, sondern sogar … — aber nein, das darf man sicher auch nicht sagen! Alles muss ja gleichberechtigt sein.
Was für ein unheilvolles Vorurteil! Meine eigenes ist da radikal abweichend: Homosexualität ist gut, Heterosexualität aber, weil erzwungen, schlecht. Von sich aus, also ohne die Gesellschaft und ihre Nötigung zu Natürlichkeit und Normalität, wäre selbstverständlich jeder „homosexuell“. Oder meinetwegen polymorph-pervers. Dass es überhaupt „Heterosexuelle“ gibt, ist ein Zeichen dafür, dass etwas schief läuft. Dagegen muss man, wenn man schon nicht viel machen kann, wenigstens mit Entschiedenheit sein! Stattdessen aber, bloß, um sich als Schwuler (oder als Lesbe) nicht mehr rechtfertigen zu müssen, gegegengeschlechtliche Neigungen für gleichwertig und als zu akzeptierende Spielart der Natur auszugeben, geht mir entschieden zu weit. Lieber rechtfertige ich mich, als anderen, die ich der Verfehlung zeihe, die Rechtfertigung zu ersparen.
Ebenso wenig bin ich einverstanden mit dem inflationären Unsinn des „Ich habe es mir nicht ausgesucht, ich bin so geboren“. Ja, sicher, völlig richtig: Jeder ist „so“ geboren, nämlich mit der Fähigkeit, homosexuell zu begehren. Die Frage ist und bleibt jedoch, warum (also durch welche Gnade oder welches Verdienst oder welchen Zufall) manche das Glück haben, diese Fähigkeit auch anzuwenden, während andere, weniger Begünstigte ihre Zuflucht zu unappetitlichen Ersatzhandlungen nehmen.
Wenn Homosexualität — nicht missverstanden als Homosexuellsein der Homosexuellen, sondern begriffen als im Prinzip jedem Menschen mögliches Begehren und entsprechender Vollzug von Mann zu Mann —, wenn also Homosexualität nicht mehr als etwas betrachtet werden darf (und in der Folge: nicht mehr werden kann), das nicht einfach unter Zwang geschieht, sondern je und je bestimmte Entscheidungen erfordert, dann hört Homosexualität nicht nur auf, etwas Politisches sein zu können, denn Politik setzt ja voraus, dass man so oder anders handeln kann, sondern Homosexualität hört dann auch auf, etwas zu sein, was man überhaupt irgendwie gestalten kann. Einen schwulen Lebensentwurf kann man sich dann abschminken.
Das alles aber kommt bestimmten Lesbenundschwulen und ihren heterosexuellen Hintermännern und Hinterfrauen sehr zupass. Sie wollen keine kreative Kultur des Schwulwerdens, sondern unbedingt ein immer schon fertiges Schwulsein, eine „Identität“ also, die man in Dokumente ein- und als Stammesabzeichen vor sich hertragen kann. Mit folgerichtiger Infamie faseln sie von den „Menschenrechte(n) Homosexueller“, als ob es nicht das Besondere von Menschenrechten wäre, jedem Menschen zuzukommen. Der Einzelne soll jedoch neuerdings Rechte nur noch als Angehöriger eines Paares („Homo-Ehe“) oder einer Gruppe („Wir LGBTI*“) haben. Ab mit den Homos in die Mitte der Gesellschaft, ins gut kontrollierbare Ghetto!
Damit kommt die heterokratische Gesellschaft der Verwirklichung ihres alten Traumes von der Auslöschung der Homosexualität so nahe wie möglich. Homosexualität als Homosexuellsein ist nämlich als Spezifik einer bloßen Minorität aus dem Allgemeinen, dem jedem Möglichen hinausdefiniert. Die Mehrheit bleibt davon verschont. Und unbelastet von kritischen Fragen können die Heterosexuellen fortan ihrem monströsen Treiben ungestört nachgehen.
Aber Homosexualität, die toleriert werden kann, ist es nicht wert, praktiziert zu werden! Integrierte Schwule sind ethisch und ästhetisch kastrierte Schwule! Mann müsste wieder … Man könnte immer noch … Man sollte endlich … Aber ach, was reg ich mich auf! Kritische Konzepte von Homosexualität sind einfach nicht mehr erwünscht.
Perverserweise sind die Letzten, die mit öffentlicher Resonanz noch am Widernatürlichen (anders gesagt: am der Ideologie der Natur gegenüber Kritischen) und Subersiven (anders gesagt: am die gesellschaftliche Normen und Werte in Frage Stellenden) der Homosexualität festhalten, diejenigen, die diese aus altbackenem Biblizismus und fortschrittsunwilligem Verfolgungswahn heraus ablehnen. Das verstößt aber gegen den von interessierter Seite geforderten Konsens. Man muss diesen Unverständigen darum den Mund verbieten! Sie stemmen sich dem Zeitgeist entgegen und das darf man nicht. Sonst gibt’s — zumindest rhetorisch — was aufs Maul.
Nein, Zensur ist das nicht. Immerhin herrscht ja Meinungsfreiheit. Jeder darf sagen, was er denkt, solange es mit dem herrschenden Weltbild übereinstimmt. In Umbruchsphasen wie dieser, in der die ideologische Hegemonie bezüglich des Homosexualitätsverständnisses umkämpft ist, muss man eben, bevor die Leute von selbst sagen, was gehört werden darf, ein bisschen helfen, indem man „kritische“ Journalistinnen und Journalisten auf Abweichler ansetzt, die unter brachenunüblicher Hintanstellung des quotenfördernden Unterhaltungswertes bizarrer Sondervoten und anhand der checklist der gerade gültigen Doktrinen korrigierend in Kontroversen eingreifen.
„Es geht nicht (…) darum, jemanden [sic] das Recht auf Meinungsäußerung zu verbieten. Jeder darf diese [sic] äußern, solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt (und jeder darf dafür entsprechend kritisiert werden). Vielmehr geht es darum, ob er dies in Talkshows als gleichberechtigte Meinung als eingeladener ‘Experte’ kuntun [sic] darf, ohne jegliche journalistische Einordnung.“ (Norbert Blech) Zweckmäßig wäre also vielleicht ein, nein, kein gelber Hut, sondern ein Insert „Nichtexperte“, sobald solch eine Unperson ins Bild kommt, und der einzublendende Warnhinweis „Journalistisch als diskriminierend eingeordnet“ nach jeder entsprechenden Wortmeldung. Und wer nach alldem immer noch unbelehrbar bleibt, wird einfach aus den Fernsehstudios und Zeitungsspalten verbannt.
Dann hätte die Tugend einmal mehr über das Laster gesiegt. Ein bisschen Nachdruck braucht es dazu freilich schon. Zur Not muss man sich an die Staatsmacht wenden, auf dass der Rahmen der Gesetze neu justiert werde. Die Freiheit der Andersdenkenden bleibt davon unberührt, sie dürfen sie bloß nicht mehr ausüben. Nein, nein, so ein bisschen Tugendterror ist doch nichts Schlimmes. Das alles dient doch nur dazu, Würde und Menschenrechte zu verteidigen. Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke! Zensur ist Pressefreiheit!

Montag, 3. Juni 2013

Richtig pervers

„In den frühen 50er Jahren, meine Damen und Herren, wurde noch ernsthaft darüber diskutiert, wie sehr das Rückenmark durch Onanie geschädigt wird, ob es den weiblichen Orgasmus wirklich geben kann und inwiefern die Krankheit ‘Schwul’ ansteckend sei. Die sogenannte Sexuelle Revolution war also eigentlich dringend vonnöten. Leider geriet in der Hitze der 68er manches durcheinander. Die Befreiung geriet nur allzu leicht zur Nötigung. ‘wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.’ - das war nur die harmlosere Variante. Richtig pervers wurde es, als später Kinderschänder daran gingen, den Zeitgeist der Enttabuisierung für ihre Zwecke zu benutzen, auch politisch, wie die Grünen ja gerade aufzuarbeiten versuchen.“ (Beim Zappen gehört: Dieter Moor, Anmoderation eines ttt-Beitrags.)
Ich staune immer wieder darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute, die explizit um die historische Relativierbarkeit von Überzeugungen wissen (die damals — wir heute), ihre eigenen gegenwärtigen Überzeugungen für der Weisheit allerletzten Schluss halten. Sie relativieren eben nur in eine Richtung: früher war man noch nicht so weit, heute wissen wir es besser. Dass auf das Heute womöglich ein Morgen folgt und dass das, was heute nicht bezweifelt werden darf, dann womöglich als unvorstellbarer Blödsinn gilt, während anderes, was heute ausgeschlossen ist, vielleicht zur Selbstverständlichkeit wird, ist für sie anscheinend undenkbar. So kann man in aller Unschuld altertümliche Vokabeln wie „pervers“ und „Kinderschänder“ verwenden wie andere früher recht unproblematisch von „Rückenmarksschwund“ und „gleichgeschlechtlicher Unzucht“ redeten. Wie gesagt, ich staune. Immer wieder.