Montag, 3. Juni 2013

Richtig pervers

„In den frühen 50er Jahren, meine Damen und Herren, wurde noch ernsthaft darüber diskutiert, wie sehr das Rückenmark durch Onanie geschädigt wird, ob es den weiblichen Orgasmus wirklich geben kann und inwiefern die Krankheit ‘Schwul’ ansteckend sei. Die sogenannte Sexuelle Revolution war also eigentlich dringend vonnöten. Leider geriet in der Hitze der 68er manches durcheinander. Die Befreiung geriet nur allzu leicht zur Nötigung. ‘wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.’ - das war nur die harmlosere Variante. Richtig pervers wurde es, als später Kinderschänder daran gingen, den Zeitgeist der Enttabuisierung für ihre Zwecke zu benutzen, auch politisch, wie die Grünen ja gerade aufzuarbeiten versuchen.“ (Beim Zappen gehört: Dieter Moor, Anmoderation eines ttt-Beitrags.)
Ich staune immer wieder darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute, die explizit um die historische Relativierbarkeit von Überzeugungen wissen (die damals — wir heute), ihre eigenen gegenwärtigen Überzeugungen für der Weisheit allerletzten Schluss halten. Sie relativieren eben nur in eine Richtung: früher war man noch nicht so weit, heute wissen wir es besser. Dass auf das Heute womöglich ein Morgen folgt und dass das, was heute nicht bezweifelt werden darf, dann womöglich als unvorstellbarer Blödsinn gilt, während anderes, was heute ausgeschlossen ist, vielleicht zur Selbstverständlichkeit wird, ist für sie anscheinend undenkbar. So kann man in aller Unschuld altertümliche Vokabeln wie „pervers“ und „Kinderschänder“ verwenden wie andere früher recht unproblematisch von „Rückenmarksschwund“ und „gleichgeschlechtlicher Unzucht“ redeten. Wie gesagt, ich staune. Immer wieder.