Montag, 7. Januar 2013

Dünnschiss und Wahn

Antireligiöse Ressentiments machen dumm. Diese alte Erfahrung bestätigt leider immer wieder auch der Blogger „Steven Milverton“, der es mit unschöner Regelmäßigkeit schafft, etwas Kluges und Richtiges zu schreiben, das er dann durch religionsfeindlichen Unsinn wieder durchkreuzt.
So zum Beispiel auch in dem Text „Das Beschneidungsgesetz“ (6. Januar 2013). Zu Recht erklärt „Steven Milverton“ dieses Gesetz, das er in voller Länge (sogar einschließlich der Unterschriften) zitiert, für Unrecht. Ein bisschen albern ist es freilich, wenn „Steven Milverton“ meint, wenn Deutschland ein Rechtsstaat wäre, müssten sich „die Abgeordneten, die dem Gesetz zugestimmt haben, die Regierungsmitglieder, die es unterzeichnet haben und der Bundespräsident, der es ausgefertigt und verkündet hat, wegen Beihilfe zur Körperverletzung, gegebenenfalls sogar schwerer Körperverletzung oder sogar wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht verantworten“. „Steven Milverton“ ist offensichtlich kein Jurist und verwechselt seine private Paragraphendeutung mit verallgemeinerbarem Rechtsverständnis. Sinn des Beschneidungsgesetzes ist es ja gerade, von der Strafbarkeit von Körperverletzung eine bestimmte Ausnahme gelten zu lassen. Im Sinne einer politischen Polemik ist die Gleichung „Zustimmung zum Beschneidungsgesetz ist Körperverletzung“ jedoch halbwegs akzeptabel.
Der eindeutige Unsinn kommt im nächsten Absatz: „Wenn man mir noch Anfang des vergangenen Jahres gesagt hätte, in Deutschland würde irgendwann einmal die Scharia (oder anderes religiöses Machwerk) gelten, hätte ich das nicht für möglich gehalten, sollten doch gerade die Deutschen wissen, was ein Gottesstaat mit den Menschen macht — immerhin gab es das in Deutschland schon einmal. Gott hörte damals auf den Namen Adolf Hitler und ließ sich auch gerne Führer rufen. Bejubelt wurde er von katholischen wie evangelischen Christen gleichmaßen.“
Die Gleichsetzung von Nazismus und Religion ist so dumm, ungebildet und albern, das man nicht darüber diskutieren kann. Für solche Absurditäten ist wohl eher das psychiatrische Fach zuständig. (Man weiß ja, wo sein Religionshass beispielsweise Panizza hingeführt hat.)
Was aber die Geltung der Scharia (als angebliches Exempel eines „religiösen Machwerks“) betrifft, so zeigt „Steven Milverton“ hier einmal mehr sein Unwissen. Sein Ressentiment macht ihn dumm. Hätte er sich auch nur ein bisschen informiert, wüsste er, dass in Deutschland sehr wohl die Scharia gilt. Etwa im Erb- oder Eherecht. Die Anwendung von Rechtsvorschriften ist beschränkt, aber als Teil des Internationalen Privatrechts in gewissem Umfang verpflichtend. (Ich empfehle zu diesem Thema „Scharia in Deutschland“", einen einführenden Text von Mathias Rohde. Oder wenigsten diesen Zeitungsartikel: „Scharia hält Einzug in deutsche Gerichtssäle".)
Doch die gesellschaftliche Wirklichkeit interessiert „Steven Milverton“ nicht. Er will seine Vorurteile pflegen. „Man braucht sich nur auf religiösen Dünnschiss zu berufen und behaupten, man wisse was man tue. Tiere sind in Deutschland besser geschützt als Kinder. Ich halte es für einen Skandal. Mit diesem Gesetz wird klar denkenden Menschen die Möglichkeit abgeschnitten, gegen religiösen Wahn vorzugehen.“ Diesen Unsinn verzapft er, obwohl er den Wortlaut des Beschneidungsgesetzes selbst zitiert hat! Anscheinend hat er es nicht gelesen oder nicht verstanden. Im Gesetzestext ist nämlich mit keinem Wort von einer religiösen Motivation oder Rechtfertigung der Beschneidung die Rede. Die zentrale Bestimmung lautet: „Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll.“ Wo ist da der „religiöse Dünnschiss“, der „religiöse Wahn“? Offensichtlich nur im Kopf von „Steven Milverton“.
Gegen Beschneidung Unmündiger zu sein, ist richtig. Für sie wird oft, aber nicht allein, mit der Notwendigkeit argumentiert, durch sie eine Zugehörigkeit, insbesondere zum Judentum oder zum Islam, auszudrücken. Gerade die deutsche Beschneidungsdebatte, die sich auf den unsinnigen Gegensatz „Für das Beschneidungsrecht von Juden oder Gegen die Juden“ zuspitzte, gerade diese Debatte hat nämlich am Rande auch gezeigt, dass selbst nicht-religiöse und atheistische Juden ihre Söhne unbedingt beschneiden lassen wollen. Es geht also, darf man daraus schließen, primär um Gruppenzugehörigkeit und nicht um Religion.
„Steven Milverton“ ist ein Opfer seiner Vorurteile. Seine Ressentiments verstellen ihm den Blick, sein Hass beschädigt sein Urteilsvermögen. Das ist schade. Gewiss, auch andere schreiben, wenn es um Religiöses geht, viel dummes Zeug. Bei „Steven Milverton“ aber wird einem damit das halbwegs kluge Zeug, das er mitunter auch schreibt, verleidet.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Heißt „konstruiert“ denn „inexistent“?

Das Internetportal „queer.de“ ist nicht gerade dafür bekannt, seine Nutzer mit intellektuellem Kram zu behelligen. Man befasst sich dort für gewöhnlich lieber mit Klatsch und Tratsch, mit lifestyle und mit einem etwas schrägen Blick aufs Politische. Umso überraschender war es, dass man am Silvestertag des Jahres 2012 Burkhard Scherer Gelegenheit gab, unter der Überschrift „Die Mehrheit ist hetero – wie queer sind wir?“ ein paar Gedankengänge aus dem Bereich dessen, was man Queer Theory nennt, in einfachen worten darzustellen. Die erwartbaren Reaktionen blieben nicht aus.
„Ich bezweifle, dass mittlere Vorlesungen dieser Art überhaupt ihre Leser finden werden, denn hier nervt allein schon mal die Textmenge, mit der im Grunde genommen nichts ausgedrückt wird, was nicht schon offenkundig wäre.“
„Queer-Quatsch (…) eine akademische Diskussion, die elitär geführt wird und für die Menschen keinen Nutzen hat. (…) Das ist nur ein affiger Murks, der einem akademischen Wolkenkuckusheim entspringt.“
„Ich gebe zu, nach der Hälfte des Textes nicht weitergelesen zu haben, weil langweilig, nichts neues, nichts fesselndes.“
„Dieser Artikel ist kaum lesbar (zu lang ) und fällt unter die Kategorie :unnötiges Geschwätz.“
Ins selbe Horn stieß auch „Adrian“ vom Blog „Gay West“: „ein unglaublich kompliziert geschriebener Beitrag (…), der wieder einmal versucht, aus Homosexualität eine Lebensweise, wenn nicht gar eine Revolution zu machen. (…) Der Beitrag eines/einer gewissen Dr. B. Scherer strotzt im folgenden geradezu von Klischees, Verallgemeinerungen und postmodernen Plattitüden.“ Und dann wird ausführlich zitiert, was „Adrian“ anscheinend nicht mit eigenen Wort wiedergeben kann.
Zwischendurch gelangt „Adrian“ zu erstaunlicher Einsicht: „Ich für meinen Teil, weiß dass ich in einer heterosexuellen Welt lebe. Den Grund hierfür sehe ich ganz simpel darin, dass die meisten Menschen heterosexuell sind.“ Auf den Gedanken, dass deshalb die meisten Menschen heterosexuell sind, weil sie in einer heterosexuellen Welt leben, kommt „Adrian“ selbstverständlich nicht. Solch kritische Erwägung hielte er wohl für „postmodern“.
„Denn was soll es eigentlich bedeuten, Hautfarbe, Klasse, Behinderungsstatus etc. in Frage zu stellen? Soll das heißen, sich hinzustellen und zu behaupten, man sei nicht weiß, sondern habe eine schwarze Hautfarbe? Man sei nicht untere Mittelklasse, sondern Bourgeoisie? Man sei nicht querschnittsgelähmt, sondern so wie alle anderen?“
Hier stellt sich jemand nun wirklich dumm. Eine Analyse der Weisen vorzunehmen, in denen Menschen nach Rasse, Klasse, Geschlecht usw. eingeteilt werden, bedeutet selbstverständlich nicht, die realitätsstiftende Macht dieser Einteilungen zu leugnen oder sie für durch rein verbale Umetikettierung veränderbar zu halten. Dass jemand querschnittgelähmt ist, ist eine medizinische Diagnose, dass er behindert ist, eine gesellschaftliche Veranstaltung.
Darum ist es Unsinn, wenn „Adrian“ behauptet: „Es mag zuweilen schmerzlich sein, aber eine Minderheit zu sein, ist so schlimm auch nicht. Individualität bedeutet, Unterschiede anzuerkennen und sie als Teil der Pluralität des Lebens zu akzeptieren. Aber zu versuchen, diese Unterschiede einzuebnen, diese als nichtexistent, als Konstruktion zu betrachten, halte ich in höchsten Maße für absurd. Ganz einfach, weil es der Lebensrealität widerspricht. Und weil Kategorien nützlich sein können.“
Der Kern des Missverständnisses besteht in der Gleichsetzung von „konstruiert“ und „inexistent“. Wäre dem so, wäre, wie viele glauben, jeder Sozialkonstruktivismus einfach nur lächerliches Hirngespinst. Es ist aber nicht dasselbe, die Weisen aufzuzeigen, wie etwas gesellschaftlich produziert wird, sich also als nicht naturwüchsig erweist, und zu behaupten, es existiere gar nicht. Der Eiffelturm in Paris ist mit Sicherheit nicht von selbst gewachsen, sondern eine Konstruktion. Existiert er deshalb nicht? Die deutsche Straßenverkehrsordnung oder der Nürnberger Christkindlesmarkt: Gibt es sie etwa von Natur aus? Oder wurden und werden sie von Menschen gemacht? Existieren sie deshalb nicht? Kurzum, nicht der Sozialkonstruktivismus ist lächerlich, sondern solche Kritik daran, die „konstruiert“ mit „inexistent“ gleichsetzt, als ob gerade das die sozialkonstruktivistische These wäre.
Auch mit den Einteilungen „Hautfarbe, Klasse, Behinderungsstatus etc“ verhält es sich so. Dass es von Menschen gemachte Zuschreibungen und Einteilungen sind, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt, dass sie nicht wirklich sind und Wirklichkeit bestimmen. Im Gegenteil, gerade dass sie gemacht werden, dass sie vollzogen werden müssen, um zu existieren, verleiht ihnen die Macht von Tatsachen. Die politische Folgerung, die sich aus sozialkonstruktivistischen Überlegungen ergeben kann, lautet allerdings: Was von Menschen gemacht ist, kann unter Umständen auch anders gemacht werden. Die Einteilungen, wie sie derzeit nach Rasse, Klasse, Geschlecht usw. vorgenommen werden, können auch anders oder gar nicht erfolgen.
Was daran „absurd“ sein soll, sehe ich nicht. Ich halte auch nichts davon, die „Pluralität des Lebens“ kritiklos hinzunehmen, statt Unrecht, das man als solches erkennt, zu benennen und nach Wegen der Veränderung zu suchen. „Lebensrealität“ ist, anders als Leute wie „Adrian“ gerne glauben (machen) möchten, nichts ein für alle mal Vorgegebenes, sondern etwas, das so oder so von allen aneinander gestaltet wird. Gewiss sind „Kategorien“ nützlich. aber wem nützen sie wann wie? Welche anderen Kategorien sind denkbar und lebbar? Welcher andere Nutzen kann aus anderen Kategorien gezogen werden? Fragen über Fragen, die man sich als theoriefeindlicher Tropf naturgemäß nicht stellen muss.

Dienstag, 1. Januar 2013

Sodomiten oder Homosexuelle?

In einem Buch blätternd, das durchzulesen ich gerade nicht die Zeit habe, stoße ich — zugebenermaßen nicht zufällig, sondern nach Befragung des Registers — auf diese Stelle: „Michel Foucault and his followers have argued that the ‘homosexual’ is a modern invention, a mental construct of the last hundred years. This is, of course, true, of homosexuality as a ‘scientific’ or psychatric category. But it is a mistake to presume that earlier ages thought merely of sexual acts and not of persons. Medieval literature speaks not only of sodomy but also of ‘sodomites’, individuals who were a substantial, clear, and ominous presence. The fact that such beings were perceived from a theological rather than a psychological point of view did not make them any less real, or less threatening.“ (Louis Crompton: Homosexuality & Civilization, Cambridge/Ma. 2003, S. 174 f.)
So, so, es ist also ein Fehler, anzunehmen, frühere Zeiten hätten nur an sexuelle Handlungen und nicht an Personen gedacht. Aber wer begeht diesen Fehler oder hat ihn begangen? Mir ist nicht bekannt, dass Foucault oder irgendjemand, der sich dabei auf ihn berufen könnte, je geleugnet hätte, dass es eine mittelalterliche oder neuzeitliche Rede von „Sodomiten“ gab. Im Gegenteil, der Ausdruck „Sodomit“ kommt ja sogar ausdrücklich in jener zu Recht berühmten Formel vor: „Le sodomite était un relaps, l’homosexuel est maintenant une espèce.“
Dieser vielzitierte Satz steht am Ende eines Abschnittes, der es, weil er so wichtig ist, verdient, hier zur Gänze wiedergegeben zu werden: „Die Sodomie — so wie die alten zivilen oder kanonoschen Rechte sie kannten — war ein Typ von verborgenen Handlungen, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität. Sie ist überall in ihm präsent; allen seinen Verhaltensweisen unterliegt sie als hinterhältiges und unbegrenzt wirksames Prinzip; schamlos steht sie ihm ins Gesicht und auf den Körper geschrieben, ein Geheimnis, das sich immerfort verrät. Sie ist ihm konsubstantiell, weniger als Gewohnheitssünde denn als Sondernatur. Man darf nicht vergessen, daß die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie sich an dem Tage konstituiert hat, wo man sie (…) weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmten Qualität sexuellen Empfindens, einer bestimmten Weise der innerlichen Verkehrung des Männlichen und des Weiblichen charakterisiert hat. Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter. der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, übers. v. U. Raulff u.W. Seitter, Frankfurt a.M. 1977, S. 58)
Mit keinem Wort sagt Foucault hier (oder anderswo), dass der Sodomit „less real“ sei als der Homosexuelle. Allerdings ist seine Realität eben eine andere als die des Homosexuellen, sie wird anders verstanden und anders gelebt. Die Unterstellung, dass es „Foucault and his followers“ zufolge erst des modernen Konzepts einer „spezifischen Homosexualität“ (also der Homosexualität als Homosexuellsein der Homosexuellen) bedurfte, um nicht nur Taten, sondern auch Täter zu benennen, ist offenkundig falsch.

Selbstverständlich war auch in vormodernen Zeitenes nicht nur von Sodomie, sondern auch von Sodomitern die Rede, wie ja überhaupt nicht nur von Sünden, sondern auch von Sündern, nicht nur von Lastern, sondern auch von lasterhaften Menschen, nicht nur von Lüge, Diebstahl, Mord, sondern auch von Lügnern, Dieben, Mördern die Rede war. Die Frage ist freilich, wie das Verhältnis von Tat und Täter verstanden wird, ob also beispielsweise einer lügt, stiehlt oder mordet und dadurch zum Lügner, Dieb oder Mörder wird, oder ob er von vornherein als einer bestimmten Gruppe zugehörig gedacht wird, also einer von den Lügnern, Dieben oder Mördern ist, weshalb dann seine tatsächlichen Lügen, Diebstähle oder Morde nur noch Manifestationen eines auch ohne solche Handlungen latent schon zuvor vorhandenen und diese bedingenden Lügnerseins, Diebseins, Mörderseins darstellen.
Nun ist es dem an ständischer Gliederung orientierten Denken des Mittelalters gewiss nicht fremd, Personen, die immer wieder gleiche Handlung vollziehen, als Angehörige einer durch solche Handlungen qualifizierten Gruppe zu betrachten. Allerdings widerspräche es dem (trotz der augustinischen Gnadenlehre von der Kirche kontinuierlich bewahrten) Glauben von an die menschlichen Willensfreiheit, anzunehmen, jemand müsse sündigen. Er mag eine spezifische Neigung zum Bösen, also zu Sünde und Verbrechen haben, aber er könnte im Grunde auch anders, als dieser Neigung zu folgen.
Das Neue am modernen Konzept (für das wohl auch die protestantische Prädestinationslehre mit ihrer Leugnung der Willensfreiheit den Boden bereitet hat) ist aber gerade, dass Akte als Ausdruck und Verwirklichung eines zugrundeliegenden Seins verstanden werden. Mit anderen Worten: Der Sodomit ist ein solcher, weil er sodomitische Handlungen begeht; der Homosexuelle vollzieht homosexuelle Handlungen, weil er ein Homosexueller ist.
Dieses neue Verständnis ließe sich auch beschreiben als Übergang vom Konzept der typischen Homosexualität zum Konzept der spezifischen Homosexualität. Zu allen Zeiten, also auch im „Mittelalter“, war es selbstverständlich üblich, menschliche Verhaltensweisen als charakteristisch für bestimmte Menschentypen zu begreifen. (Vielleicht ist dies tatsächlich an den theologischen und literarischen Texten besser erkennbar als an den juristischen und medizinischen, auf die Foucault sich bezieht.) Man denke nur an die Charaktere des Geizigen, des Aufschneiders, des Heuchlers usw., die bis weit in die Neuzeit hinein wiedererkennbare Gestalten des Theaters waren, aber eben auch solche des Alltags. Oder man denke an Konstitutionstypen wie den Choleriker, den Sanguiniker, den Melancholiker. Keineswegs wurden also vor der Mitte des 19. Jahrhunderts nur Handlungen betrachtet und von diesen auf Urheber geschlossen, sondern es wurden durchaus auch wiedererkennbare Handlungsmuster als Merkmale von konstanten Typen verstanden.
In diesem Sinne mag auch der Sodomit je und je als Vertreter eines bestimmten Typus gefasst worden sein. Aber so typisch sein Verhalten auch scheinen mochte, es begründete keine „Spezies“; es war immer noch das Verhalten, das den Menschen charakterisierte, und nicht, wie beim Homosexuellen, das „innere Wesen“, das das Verhalten bestimmte. Was sich mit dem moderne Konzept veränderte, war also nicht, dass fortan nicht mehr Handlungen betrachtet wurden, sondern ein Sein analysiert, sondern dass das Verhältnis von Handlungen und Sein neu bestimmt wurde. Ein Sodomit zu sein hieß nichts weiter, als homosexuell zu handeln. Ein Homosexueller aber braucht gar nicht zu handeln, um homosexuell zu sein. Sein „wahres Sein“ zeigt sich nicht unbedingt in dem, was er tut, sondern in dem, was ihm von den Experten (also den Psychologen und Psychiatern) als Motiv seines Handelns zugeschrieben wird.
Der „Fehler“, von dem Louis Compton schreibt, existiert also nicht. Es ist sinnlos. „persons“ gegen „sexual acts“ ausspielen zu wollen, da es immer um beides, vor allem aber um das Verständnis ihres Verhältnisses geht. Es gibt also auch keinen Grund, gegen Foucaults brillante Formel zu polemisieren. Im Gegenteil, mit „Geschichte der Homosexualitäten“ befasste Fachhistoriker und historisch interessierte Laien sind gut beraten, sich am foucaldischen Diskontinuitätsdenken zu orientieren, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, überall Homosexuelle (im modernen Sinne) zu sehen, wo sich zum Beispiel allenfalls Sodomiten zeigen.