Dienstag, 24. Dezember 2013

Alan Turing: „Gnade“ statt Recht

Das ging ja schnell. Schon ein einundsechzigeinhalb Jahre, nachdem Alan Turing wegen „gross indecency“ (schwerer Unzucht) mit einem Mann im Namen der großbritisch-nordirischen „Königin“ verurteilt worden war, unterzeichnete dieselbe Damen am Heilgen Abend 2013 einen Gnadenakt. In den Medien wird das als „Rehabilitierung“ Turings ausgerufen. Weit gefehlt! Begnadigung bedeutet Straferlass. Aber da sich Turing bereits 1954, zwei Jahre nach seiner Verurteilung, umbrachte, kann man ihm heute auch keine Strafe mehr erlassen. Rehabilitierung bestünde in einer Aufhebung des Urteils. Davon kann keine Rede sein. Das antihomosexuelle Strafrecht, das in England und Wales bis 1967, in Schottland bis 1980 in Kraft war, gilt nämlich heute noch als damals rechtens. Die ungefähr 50.000 Verurteilungen nach jenen Bestimmungen sind nach wie vor aufrecht. Also auch das Urteil über Turing. Dieser hatte sich übrigens schuldig bekannt und, um dem Gefängnis zu entgehen, eingewilligt, sich psychiatrischer Behandlung mit chemischer Keule zu unterziehen. Folge solcher „Therapie“ soll eine Depression gewesen sein, deren Folge wiederum vermutlich der Selbstmord war.
Die regierenden Heterosexuellen wollen mit der postumen, also rein symbolischen Amnestie für Turing (und sonst übrigens keinen der 50.000 Verurteilten) ihr Image ein bisschen aufpolieren. Pinkwashing Britain sozusagen. Und die medialen Repräsentierer der Lesbenundschwulen tun den Herrschenden den Gefallen und plappern wahrheitswidrig von „Rehabilitierung“. Wieder einmal sind alle zufrieden, obwohl niemand sein Recht bekommen hat.

Samstag, 14. Dezember 2013

Wessen Sieg?

Aus queer.de: „Edie Windsor hat es im Alter von 84 Jahren erstmals auf die "Person of the Year"-Liste geschafft: Die New Yorkerin hatte im Sommer ihren größten Erfolg erzielt, als der oberste Gerichtshof sie zur Siegerin im Fall 'United States versus Windsor' erklärte. Sie hatte geklagt, weil sie nach dem Tod ihrer Ehefrau 363.000 Dollar Erbschaftssteuern an Washington abführen sollte – als Heterosexuelle hätte sie aber nichts zahlen müssen. Die Höchstrichter entschieden, dass es sich bei dieser Ungleichbehandlung um eine verfassungswidrige Diskriminierung handelte und damit der LGBT-Bewegung in den USA einer ihrer größten Siege beschert."
Wieso es eigentlich ein Sieg (noch dazu einer der größten) der LGBT-Bewegung in den USA ist, wenn eine stinkreiche Greisin sich über eine Viertelmillion Euro an Steuern erspart, verstehe ich nicht. Besteht denn die ominöse „community" nur aus Superreichen? Warum um Himmels willen sollten Schwule (oder Lesben), die nichts oder nicht viel zu vererben haben, mit einem solchen „Sieg" des Eigennutzes über den Fiskus solidarisieren?
Längst schien die Verbürgerlichung der Homo-Bewegung gar nicht mehr zu überbieten, weil das ganze Gleichstellungs-Getue sich ja immer wieder bloß als Feilschen um wirtschaftliche Vorteile für Mittelklasse-Lesbenundschwule herausgestellt hat. Doch dass nun gar eine Millionärin, die von ihrem unverdienten Vermögen (die Familie ihrer Frau hatte es mit Essiggurken erwirtschaftet) keinen Cent an die Gesellschaft abgeben will, von interessierten Kreisen zur Heldin erklärt wird, sprengt dann doch noch einmal den Rahmen des Obszönen.

Freitag, 8. November 2013

Auslöschung von Homosexualität durch Asylrecht

Nein, es ist keine gute Nachricht! Dass der Gerichtshof der Europäischen Union entschieden hat, dass Menschen, die in ihren Herkunftsländern von Strafbestimmungen gegen homosexuelle Handlungen bedroht sind, in der EU eventuell Anspruch auf Asyl haben, ist im Gegenteil eine verheerende Botschaft, denn der Asyl-Anspruch wird ausdrücklich daran gebunden, dass die betreffenden Personen Homosexuelle sind.
Damit wird ausdrücklich die identitätsterroristische Doktrin bestätigt, wonach Homosexualität ausschließlich im Homosexuellsein von Homosexuellen besteht.
Zu den Details. Der Gerichtshof dekretiert, „dass feststeht, dass die sexuelle Ausrichtung einer Person ein Merkmal darstellt, das so bedeutsam für ihre Identität ist, dass sie nicht gezwungen werden sollte, auf sie zu verzichten“ und „dass das Bestehen strafrechtlicher Bestimmungen, die spezifisch Homosexuelle betreffen, die Feststellung erlaubt, dass diese Personen eine abgegrenzte Gruppe bilden, die von der sie umgebenden Gesellschaft als andersartig betrachtet wird“.
Es gibt aber nirgendwo auf der Welt Strafbestimmungen, die spezifisch Homosexuelle betreffen. (Schon aus dem einfach Grund, weil niemand mit Sicherheit sagen kann, was ein Homosexueller ist.) Von Strafe bedroht sind und bestraft werden ausschließlich homosexuelle Handlungen. Solche freilich, und das ignoriert, ja leugnet das Gericht in seiner identitätspolitischen Verblendung, können sehr wohl auch von Nichthomosexuellen vollzogen werden.
Homosexualität als solche hingegen, nämlich die bei jedem Menschen in unterschiedlichem Maße und unterschiedlicher Ausprägung bestehende Möglichkeit, eine Person desselben Geschlechtes zu begehren und mit ihr lustvolle Handlungen auszuführen, wird damit ausgelöscht. Durchgesetzt wird einmal mehr das Dogma, wonach homosexuelle Handlungen „eigentlich“ niemals von Nichthomosexuelle begangen werden und Nichthomosexuelle „eigentlich“ niemals Personen des eigenen Geschlechtes begehren. Nur Homosexuelle sind homosexuell, und wer nicht homosexuell ist, hat mit Homosexualität nichts zu schaffen. Ein solches Konzept dient offensichtlich zu nichts anderem, als Heterosexualität von jeder Beeinträchtigung frei zu halten, ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten und die Rest-Homosexualität auf eine kleine, überschaubare und leicht zu kontrollierende Minderheit zu beschränken.
Dass es Strafrechtsordnungen gibt, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellen, wird übrigens vom EuGH keineswegs als illegitim betrachtet. Wie das Gericht feststellt, kann „das bloße Bestehen von Rechtsvorschriften, nach denen homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt sind, nicht als so schwerwiegende Beeinträchtigung angesehen werden, dass sie als Verfolgungshandlung angesehen werden könnte“. Niemand bekommt also Asyl, bloß weil er (oder sie) wegen homosexueller Handlungen von den Behörden seines Herkunftslandes bedroht oder verfolgt wird. Dazu muss er (oder sie) schon ein Homosexueller (oder eine Homosexuelle) sein. Nur wenn Homosexualität nicht einfach ein Begehren oder ein lustvolles Tun ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das zudem als Gruppenzugehörigkeit verstanden wird, kann Asyl gewährt werden. Einmal mehr werden damit Homosexuelle, wer immer das sein mag, als besondere Spezies aus der allgemeinen Menschheit ausgesondert und diese als rein heterosexuell imaginiert.
Dass nun viele Lesbenundschwule über die Gerichtsentscheidung jubeln, kann nicht verwundert. Die identitätsterroristische Indoktrination hat sie längst so vernebelt, dass sie echtes emanzipatorisches Interesse (Recht auf Homosexualität für alle und Bestehen von Rechten unabhängig von sexuelle Orientierung, Präferenz oder Laune) von bloßer Klientelpolitik für eine imaginäre Gruppe „Die Homosexuellen“ nicht mehr unterscheiden können
Selbstverständlich kann man argumentieren, dass die asylrechtliche Entscheidung des Gerichtshof der Europäischen Union helfen kann, Menschenleben zu retten, und insofern gut ist. Dem stimme ich sogar zu. Aber das ist kein Grund, den Preis, der dafür zu bezahlen ist, und seine gesellschaftlichen Folgekosten zu übersehen. Es ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung, ein widerlicher Triumph der Identitätspolitik, die Menschen von einander abgrenzt und gegen einander ausspielt. Diese Entscheidung muss revidiert werden! Nicht erst Homosexuellsein (und dafür verfolgt werden) ist als Asylgrund zu akzeptieren, sondern das bereits bloße Bestehen antihomosexueller Strafbestimmungen muss ausreichen! Asyl für alle, die es suchen! Für ein Europa ohne Grenzen, das seiner Verantwortung in einer Welt der Ausbeutung und Unterdrückung endlich gerecht wird!

Freitag, 27. September 2013

Die Zimperliesen und der Nudelfabrikant

Meine Güte, hat denn der Mann kein Recht auf eine eigene Meinung? Wenn er findet, dass homosexuelle Paare nicht so viel wert sind wie heterosexuelle Paare, ist das doch seine Sache. Viele Menschen denken so. Bloß wenn’s einer sagt, der Chef eines internationalen Lebensmittelkonzerns ist, bricht ein Sturm der Entrüstung los. Der dann zum Zurückrudern zwingt. Unappetitlich.
Nun zeigen ja mindestens 99,99 Prozent alle laufenden oder stehenden Reklamebildchen ausschließlich heterosexuelle Paare. Keinen regt das auf. Weil die Firmen oder ihre Bosse nicht so dumm sind, es zum Thema zu machen. Dann fällt’s aber anscheinend auch den Homos und ihren solidarischen Mitkrakeelern nicht auf.
Sagt jedoch ein Signor Barilla in einem Interview, er unterstütze zwar die Homo-Ehe, aber in der Werbung für Barilla-Produkte würden weiterhin nur traditionelle Familien zu sehen sein, wird sofort „Homophobie“ geschrien und ein Boykott gefordert. Heult doch, ihr Opfer!
„Sag, dass du mich ganz doll lieb hast, sonst …“ Das ist die infantile Standardreaktion vieler Schwuler auf Meinungsäußerungen, die gegen die homofreundlichen Norm verstoßen. Als ob es eine Verpflichtung dazu gäbe, die Dinge so zu sehen, wie sie sie gesehen haben wollen. Gibt es aber nicht. Es gibt im Gegenteil sogar ein Recht darauf, die Dinge anders zu sehen und das auch frei zu äußern. Das darf man umgekehrt auch wieder kritisieren. Abweichende Meinungen verbieten zu wollen, statt sie zu widerlegen, ist hingegen dumm und niederträchtig.
Menschen haben nun einmal Neigungen und Abneigungen. Wenn jemand Hunde, aber keine Katzen mag, ist das vielleicht unvernünftig, rückständig und ailoruphob — das Wort gibt’s wirklich! —, aber es geht eigentlich niemanden was an. Er mag Katzenhalter für verrückt und Katzen für bescheuert halten, seine Sache. Selbst wenn er seine Katzenfeindlichkeit öffentlich äußert und verkündet, auch künftig nur Hunde und Katzen in seiner Nudelwerbung vorkommen zu lassen, gibt es für Katzenliebhaber keinen Grund, sich zu echauffieren und Gesetze zur Verteidigung der Gleichwertigkeit von Katzen und Hunden zu fordern. Erst wenn Katzen bzw. Katzenhalter angegriffen oder in ihrer Lebensführung eingeschränkt würden, wäre die Grenze von der Privatsache zur öffentlichen Angelegenheit überschritten.
Es gibt schlechterdings kein Recht darauf, gemocht und wertgeschätzt zu werden, und mit Argumenten kann man zwar Vorurteile widerlegen, aber nicht Ressentiments und Ängste. Die Vorstellung, alle müssten alle respektieren, ist kindisch und unsinnig. Sie findet ja folgerichtig auch von Seiten der Barillaboykottforderer nur sehr einseitig Anwendung. Ihnen gilt Homophobie doch als minderwertig und ausmerzenswert.
Haben Schwule (und Lesben?) denn so wenig Selbstvertrauen, dass sie immer und überall hören müssen, wie toll, wie normal, wie wertvoll für die Gesellschaft sie sind? Mir persönlich ist es völlig wurscht, was irgendein Nudelfabrikant für ein wünschenswertes Familienmodell hält. Ihn mit Boykottaufrufen zur Heuchelei zu zwingen, erscheint mir ausgesprochen dämlich. Homosexualitätsfeindlichkeit verschwindet nicht, wenn sie sich verstecken und maskieren muss.
Aber die gewohnheitsmäßig Aufgeregten sind ja an emanzipatorischer Praxis gar nicht interessiert. Ihnen genügt der schöne Schein. (Etwa als Trauschein oder Erbschein.) Statt sich einmal ehrlich zu fragen, warum überhaupt — immer noch — zwischen „homosexuell“ und „heterosexuell“ unterschieden wird, macht man systemkonform aus der eigenen Diskriminierbarkeit eine Identität und verteidigt sie sodann gegen jeden Andersdenkenden mit pinkfarbenen Klauen und regegenbogenschimmernden Zähnen.
Get out of the closet — der alte Schlachtruf müsste in die aktuelle Situation übersetzt werden: Hört auf, immer geliebt werden zu wollen. Hört auf, euch über einen Opferstatus zuu definieren und so gesellschaftliche Anerkennung erpressen zu wollen. Und tut nicht so, als wäre alles in schönster Ordnung, wenn auch nur endlich niemand scheel anschaut. Die wahren Probleme dieser Welt werden zweifellos nicht in der Barilla-Reklame verhandelt, nicht bei den Olympischen Spielen und auch nicht beim ESC. Aber wozu sich für die Realität interessieren, wenn man symbolische Kreuzzüge führen kann. Eure Ignoranz kotzt mich an, ihr Zimperliesen!

Sonntag, 18. August 2013

Wäre Heterosexualität die vernünftigere Wahl?

Als Kommentar unter einem Artikel von „Spiegel online“ (über die Verurteilung des russischen Vereins „Wichod“ nach dem „Agentengesetz“) fand ich dies: „Homosexualität ist keine Krankheit, und schon gar nicht heilbar. Wer schwul ist, ist schwul. Und wer nicht, ist eben Hetero. Weder das Eine noch das Andere kann man sich aussuchen, man ist eben einfach entsprechend veranlagt. Zwar merkt man evtl. erst später, welches Geschlecht einen wirklich anzieht, aber aussuchen kann man sich das nicht. Bei den Anfeindungen, denen Homosexuelle ausgesetzt sind, würde sich doch ein vernünftiger Mensch, wenn es denn möglich wäre, die heterosexuelle Orientierung aussuchen.“
Der Kommentar ist nicht namentlich gezeichnet (nur mit einer Mailadresse). Es ist für meine Zwecke aber auch völlig egal, wie der Autor oder die Autorin heißt, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung die verfassende Person hat. Mir gefällt der Text, weil er so klar und schnörkellos die in vielen, wenn auch keineswegs allen gegenwärtigen Gesellschaften herrschende Auffassung von Homosexualität formuliert. Eben diese Auffassung möchte ich im Folgenden kritisieren.
„Wer schwul ist, ist schwul. Und wer nicht, ist eben Hetero.“ Ist dem so? Gibt es sie wirklich, die beiden von einander deutlich abgrenzbaren Bevölkerungsteile „Schwule“ (bzw. „Lesbenundschwule“) und „Heteros“? Immerhin ist es üblich, auch noch eine dritte Existenzform anzuerkennen, „Bisexuelle“ genannt. Die freilich in öffentlichen Debatten niemals eine Rolle spielt. Oder hat man je eine Diskussion über „Bisexuellen-Ehe“ und das Recht von Bisexuellen auf Adoption vernommen? Das hat selbstverständlich damit zu tun, dass es dem allgemeinen Verständnis zufolge schlichtweg kein „bisexuelles Paar“ geben kann. (Sofern man, was im Allgemeinen der Fall ist, von klar abgegrenzten Identitäten „Mann“ oder „Frau“ ausgeht.) Was es allenfalls geben kann, wären „Paare von Bisexuellen“. Aber das ist zu differenziert gedacht. Für gewöhnlich wird nämlich auch „heterosexuelles Paar“ mit „Paar aus Heterosexuellen“ und „homosexuelles Paar“ mit „Paar aus Homosexuellen“ gleichgesetzt. Als ob das selbstverständlich wäre.
Ist es jedoch nicht. Ebenso wenig wie die Einteilung in in bloß zwei Kategorien: „hetero“ und „homo“ (und, wie gesagt, die marginale Überschneidungskategorie „bi“). Zur Erinnerung: Der Sexualforscher Alfred Kinsey hatte bei seinen Erhebungen und deren Auswertung noch ein zwar ebenfalls sehr simples, aber wenigstens ansatzweise differenzierendes Modell angewandt: ausschließlich heterosexuell, ganz überwiegend heterosexuell, eher heterosexuell, gleichermaßen hetero- wie homosexuell, eher homosexuell, ganz überwiegend homosexuell, ausschließlich homosexuell. Es ist offensichtlich, dass man mit einem solchen Schema, so ungenügend es sein mag, der Lebenswirklichkeit von Menschen näher kommt als mit einer bloßen Zweiteilung, die dann suggeriert, es stünden sich exklusiv Heterosexuelle und exklusiv Homosexuelle gegenüber.
Das Dogma lautet: Man ist entweder schwul oder man ist es nicht. Für Heteros gilt umgekehrt dasselbe. Differenzierungen interessieren nicht. Das ist das vorherrschende Bild. Indem so getan wird, als gäbe es nur Exklusiv-Homosexuelle und Exklusiv-Heterosexuelle (und dazwischen eine nicht weiter beachtenswerte Gruppe von Unentschiedenen), wird die Vorstellung begünstigt, Homosexualität bzw. Heterosexualität sei eine „innere Wahrheit“, die das Individuum, für das sie gilt, bloß entdecken und — am besten öffentlich — anerkennen muss, um ganz es selbst zu sein.
Die Funktion, die eine solche Ideologie hat, ist offensichtlich: Wenn Homosexualität nicht mehr eine jedem Menschen mögliche Weise des Begehrens und Handelns ist, sondern nur noch als Homosexuellsein der Homosexuellen verstanden werden kann, dann sind die Heterosexuellen endlich von der Homosexualität befreit. Sie haben einfach nichts mehr damit zu tun. Homosexualität ist etwas, was ausschließlich Homosexuelle betrifft. Und homosexuell sind Heterosexuelle ja per definitionem nicht — also ist ihre nichthomosexuelle Heterosexualität perfekt, abgeschlossen und rein.
Das moderne Homosexualitätskonzept lagert Homosexualität aus der Mehrheit aus und verbannt sie in eine Minderheit. Zu der kann man dann auch freundlich sein. Was soll man auch gegen Homosexuelle haben, wenn sie doch so brav unter sich bleiben? Nur in „rückständigen“ Gesellschaften, die homosexuelle Betätigung nicht als angeborenen und unveränderlichen Ausdruck der innersten Wahrheit einer Person begreifen, sondern als Sünde, Laster, Krankheit oder Verbrechen, muss noch gegen Verführung oder Ansteckung vorgegangen werden. Liberale Gesellschaften hingegen wissen sich von der Bedrohung durch Homosexualität befreit (einige unverbesserliche, meist religiös motivierte Reaktionäre hinken dem noch hinterher, aber die sind in einer liberalen Gesellschaft ohnehin nur ungern gesehen). Die Gefahr ist gebannt. Vor einer Homosexualität, die nur noch die betrifft, die gar nicht anders können, geht keine Beunruhigung oder Verstörung mehr aus. Es ist halt eine Laune der Natur. Wie Linkshändigkeit oder Albinismus.
„Ich habe mir meine Homosexualität nicht ausgesucht“ und „I’m born this way“ lauten von Seiten der Schwulen die dazu passenden Rechtfertigungsformeln. So richtig es ist, nicht nach Ursachen von Homosexualität forschen zu wollen, so lange die Ursachen für Heterosexualität nicht erforscht werden können, weil diese mit Sexualität schlechthin identifiziert wird und als natürlich gilt, so falsch ist es, mit der Zurückweisung jeder Entscheidungsfreiheit und unter Berufung auf Angeborensein implizit einer genetischen Verankerung das Wort zu reden.
Wer solchem mehr oder minder stillschweigendem Biologismus huldigt, begibt sich auf dünnes Eis. Erstens ist trotz aller Bemühung (und entgegen umlaufenden Gerüchten) nichts gefunden worden, was eine Ableitung homosexueller Präferenz aus irgendwelchen körperlichen Gegebenheiten plausibel macht, geschweige denn zwingend nahelegt. Zweitens kann, was als Entschuldigung gedacht ist, jederzeit auch als Beschuldigung gemeint sein, denn vom Verständnis von Homosexualität als natürliche Variante zum Vorwurf der Degeneration und Missbildung ist es nur ein Schritt. Und drittens wird ein solches (implizites oder explizites) biologisches (Homo-)Sexualitätsmodell der Komplexität von kulturell geformten Sozialbeziehungen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht einmal annäherungsweise gerecht. Begehren und Lust, Intimität und Bindung, Selbstverständnis und Institutionalisierung sind doch wesentlich kompliziertere Angelegenheiten als etwa die Haarfarbe.
Aber die Doktrin vom Angeborensein ist durchaus sinnstiftend. Wenn auch bloß negativ. Kann nämlich homosexuelles Verhalten in keiner Weise mehr als etwas verstanden werden, für das man sich entschieden hat, ist nicht nur keine Kritik an Homosexualität mehr möglich, sondern auch keine Kritik durch Homosexualität. Dann ist auch — und das dürfte der Grund für den Erfolg dieses Konzeptes sein — Heterosexualität völlig unkritisierbar. Die Verhältnisse sind, wie sie sind, und wie sie sind, ist vorgegeben.
Die Normalisierung von Homosexualität läuft auf eine Naturalisierung von Heterosexualität hinaus. Diese hat dann mehr denn je das Recht, sich durchzusetzen. Wenn es für Homosexuelle, aber auch nur für sie, normal und richtig ist, sich homosexuell zu betätigen, dann ist es für Nichthomosexuelle umso unangebrachter. So etwas wie Jugendhomosexualität, also die berüchtigte „homoerotische Phase“, ist auf dem Rückzug. Studien belegen eine enormen Rückgang gleichgeschlechtlicher Erfahrungen bei Jugendlichen. Der Grund ist klar: Wenn homosexuelle Empfindungen und Handlungen als Ausdruck einer zu Grunde liegenden homosexuellen Identität interpretiert werden müssen — und sie müssen es umso mehr, je offener darüber geredet werden kann —, werden in dem Maße, in dem die Identität als unpassend empfunden wird („Ich bin nicht so“), auch bestimmte Handlungen unerwünscht („So etwas mache ich nicht“). Anders gesagt: Wer irgendwann einmal ein richtiger Heterosexueller sein will, schottet sich besser beizeiten gegen die bloße Möglichkeit ab, er könne es irgendwann irgendwie nicht gewesen sein.
Wie es der anonyme Verfasser oder die anonyme Verfasserin des eingangs zitierten Leserbriefs so schön formuliert hat: „Zwar merkt man evtl. erst später, welches Geschlecht einen wirklich anzieht, aber aussuchen kann man sich das nicht.“ Das meint: Es gibt ein eigentliches Begehren und das ist entweder auf das eine oder das andere Geschlecht gerichtet, alles andere ist Irrtum. Den gilt es zu vermeiden. Das gelingt nicht immer, aber in der Regel Heterosexuellen besser als Homosexuellen.
Der Grund, warum, dem Leserbriefschreiber oder der Leserbriefschreiberin zufolge, es sich nicht um eine Wahl handeln kann, scheint einleuchtend: Da Heterosexualität beliebter ist als Homosexualität, wäre man verrückt, sich letztere auszusuchen. Schwul ist nur, wer gar nicht anders kann, so sehr er vielleicht wollte, wenn er es sich aussuchen könnte.
Damit wird der Primat der Heterosexualität einmal mehr naturalisiert. Es ist einfach so, das Heterosexualität das ist, was jeder haben will. Homosexualität wäre unvernünftig, wenn sie nicht unvermeidlich, weil natürlich wäre. Nur Heterosexualität ist im Grunde vernünftig, normal und natürlich zugleich. Nach ihr bemisst sich, wie akzeptabel etwas anderes ist. Damit ist sie etwas, was nicht begründet werden muss, was vielmehr von sich aus Norm ist und was darum nicht kritisiert werden kann. Schon gar nicht durch Homosexuelle.
Ohne es auch nur zu bemerken, bringen somit die, die „Toleranz“ fordern oder gewähren, weil Homosexualität wie Heterosexualität nichts sei, was man sich aussuche und nichts, was ändern oder gar loswerden könne, jede Möglichkeit zur Kritik an den bestehenden Verhältnissen zum Verschwinden. Solche „Toleranz“ mag dem Einzelnen, dem sie entgegengebracht wird, den einen oder anderen Vorteil bringen, für die Möglichkeit, die Machtverhältnisse zu kritisieren, in denen und durch die etwas als natürlich, rational, normativ gilt, ist derlei verheerend.

Dienstag, 11. Juni 2013

Aufgestöbert (bei Dirck Linck)

Mich stört dieser entsetzliche Narzissmus der Schwestern. Seit der Teufel die elektronischen Medien erfand, ergießt sich Hassrede um Hassrede auf Arme, Sozialleistungsbezieher, Ausländer, Muslime, Sinti und Roma, Frauen, Asylbewerber, Linke, Straftäter und alles, was nicht auch doof und deutsch ist. Und keine Schwester formulierte den "Den Appell", um ihn dann auch noch ernsthaft mit vollem akademischem Titel zu unterzeichnen. Aber wehe, jemand findet, es sollte SIE besser nicht geben, UNS besser nicht geben. Da liegt der böse Verdacht nicht fern, dass nicht der Hass der Doofen stört, sondern die Tatsache, dass er uns gilt, obwohl WIR ihn (anders als die anderen?) nicht verdient haben. Wir wollen nicht bei den Gehassten sein. Beim Hassen sind WIR im Zweifel aber gern dabei.
Facebook-Kommentar

Montag, 10. Juni 2013

Wider den Tugendterror des „Waldschlösschen-Appells“

Aber nein, nicht doch, dass ist doch keine Zensur, man will doch bloß, dass manche Dinge nicht mehr öffentlich gesagt werden dürfen. — Worum geht es? Einige „schwule und lesbische JournalistInnen und BloggerInnen“ haben unlängst den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ formuliert, mittels dessen sie sich dagegen wehren wollen, „dass Argumentationsmuster, die der Diffamierung der Identität Homosexueller dienen, weiterhin als ‘Debattenbeiträge’ oder ‘Meinungsäußerungen’ verharmlost werden“. Was diese geheimnisvolle „Identität Homosexueller“ eigentlich ist, wer derlei hat, haben will oder braucht, geht aus dem Appell leider nicht hervor. (Ich persönlich, falls es jemanden interessiert, komme seit jeher prima ohne homosexuelle Identität oder Identität als Homosexueller zurecht, weil mich Statuszuschreibung weniger interessieren als reale Praktiken, es mir also nicht aufs Schwulsein ankommt, sondern auf die Lust auf Männer und mit Männern.)
Damit aber nicht völlig im Unklaren bleibt, was es mit der „Diffamierung der Identität Homosexueller“ auf sich hat, werden im „Waldschlösschen-Appell“ ein paar Beispiele angeführt für „Aussagen“, die „Angriffe auf die Würde und die Menschenrechte Homosexueller“ sein sollen und die die Medien aus der Sicht der Appellierenden „nicht weiter als Teil des legitimen Meinungsspektrums bagatellisieren“ dürfen:
„Homosexualität sei widernatürlich. Homosexualität sei eine Entscheidung. Homosexualität sei heilbar. Heterosexuelle Jugendliche könnten zur Homosexualität verführt werden. Homosexualität sei eine Begünstigung für sexuellen Missbrauch. Die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Gefahr für die Gesellschaft (etwa, weil durch sie die weniger Kinder geboren werden würden).“
Das wäre geklärt. Und was soll jetzt geschehen? „Wir fordern Journalistinnen und Journalisten dazu auf, 1. solche Aussagen deutlich als diskriminierende Anfeindungen zu kennzeichnen und zu verurteilen (so wie es auch etwa bei rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Anfeindungen geschieht) 2. Vertretern solcher Aussagen keine Plattformen zu bieten, so lange sie sich nicht klar von ihnen distanzieren 3. Homosexuelle in Beiträgen und Diskussionen nicht länger in die Situation zu bringen, sich für ihre sexuelle Orientierung rechtfertigen zu müssen.“
Was ich von all dem halte? Gar nichts. Wer Talkshows schaut, ist selber schuld. Fernsehkonsum ist nicht angeboren, sondern eine Entscheidung. Man kann auch um- oder abschalten. Wasser ist nass und in Talkshows wird Unsinn verzapft. In seiner freudigen Erregung, ein handfeste Diskriminierung entdeckt zu haben, ignoriert der „Waldschlösschen-Appell“ ostentativ, dass bestimmte einschlägige Quasselsendungen vom „Kontroversiellen“ leben. Je abseitiger eine Meinung ist, als desto unterhaltsamergilt sie und entsprechend freaklastig werden die Gesprächsrunden üblicherweise zusammengesetzt. Wären nämlich alle immer eines Sinnes — zum Beispiel: „Homosexuelle sind echt toll und müssen dringend heiraten“ —, gäb’s nichts zu diskutieren.
Der Vergleich mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus ist irrig. Bei diesen besteht ein ausgeprägter, wenn auch nicht lückenloser Konsens darüber, welche Art von Aussagen erlaubt und welche unerlaubt sind. Hinsichtlich Homosexualität besteht ein solcher Konsens nicht. Der „Waldschlösschen-Appell“ ist anscheinend Teil des Versuches, diesen Konsens zu simulieren und von oben her durchzusetzen. Aber einfach alle unerwünschten Äußerungen unter dem Etikett „Homophobie“ zusammenzufassen, um ein Gegenstück zu Rassismus, Sexismus, Antisemitismus zu haben, etwas, das sich niemand nachsagen lassen möchte, muss schon daran scheitern, dass niemand weiß, ob mit dem Ausdruck „Homophobie“ nun ein psychisches Problem, eine politische Einstellung oder eine theoretische Überzeugung bezeichnet werden soll. Oder einfach dummes Gerede.
Was genau macht denn eine Äußerung eigentlich zu einer diskriminierenden? Ist der Satz „Homosexualität ist nicht angeboren“ tatsächlich von derselben Art wie die Sätze „Afrikaner sind faul“, „Frauen sind dümmer als Männer“ oder „Die Juden sind unser Unglück?“. Oder doch eher etwas in Art von „Alle Chinesen sehen gleich aus“, „Männer wollen immer nur das Eine“ und „Juden sind Familienmenschen“. Wer legt eigentlich fest, welche Aussagen über wen ausgrenzend und herabsetzend und welche bloß falsch oder unzulässig verallgemeinernd sind? Kann man das in einem Regelwerk nachschlagen? Oder ist derlei nicht in beständiger Aushandlung begriffen? Müssen denn alle zurechnungsfähigen Menschen dieselben Wahrheiten für ausgemacht halten wie die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des „Waldschlösschen-Appells“?
Nein, müssen sie nicht. Ich für meinen Teil, falls das jemanden interessiert, gestatte mir da einmal mehr eine abweichende Meinung. Ich widerspreche dem Weltbild, das meiner Deutung nach dem „Waldschlösschen-Appell“ zu Grunde liegt und vertrete ein grundsätzlich andere Sicht der Dinge. Die Verfassern und Verfasserinnen des „Waldschlösschen-Appells“ verwechseln ihr eigenes Wissen mit dem, was andere für wahr halten müssen. Wissen ist aber immer mit Macht verschränkt (wie man spätestens seit Foucault weiß). Damit stellt sich für kritische Geister die Frage: Welches Wissen über Homosexualität ist denn nun Herrschaftswissen und dient der Bekräftigung bestehender Verhältnisse und welches ist Gegenwissen, das die herrschenden Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen erlaubt?
Darin immerhin gebe ich dem „Waldschlösschen-Appell“ Recht: Es gibt richtige und es gibt falsche Behauptungen über Homosexualität. Nur welche ist welche? Sollte das zu klären nicht eher Gegenstand als Vorbedingung von Diskussionen sein? Zumal der Umstand, dass eine Aussage falsch ist, meines Wissens noch nie ein Grund dafür war, dass sie in einer Debatte nicht vorgebracht werden durfte. Vernünftig wäre es, Falsches durch Richtiges zu widerlegen. Wer also Wissen hat, das in den Verlauf einer Debatte sinnvoll eingreift, sollte damit nicht hinterm Berg halten. Wenn ein Moderator oder eine Moderatorin sich als sachkundig erweist, geht das auch in Ordnung. Es scheint mir allerdings ein entscheidender Unterschied, ob jemand wirklich etwas besser weiß oder ob einem lediglich etwas nicht ins Weltbild passt.
Die oben zitierten Beispiele dafür, was als unzulässige Meinungsäußerung gelten soll, sind sehr gut gewählt. Vier von sechs angesprochenen Themen (Widernatürlichkeit, Erworbenheit, Heilbarkeit, Verführung) berührend die Frage, was Homosexualität eigentlich ist, zwei (Missbrauch, gesellschaftliche Desintegration), wozu sie angeblich führt. Sind diese Aussagen falsch, muss das Gegenteil stimmen, zusammen ergibt das eine Skizze eines bestimmten Homosexualitätsverständnisses. Demnach ist Homosexualität natürlich, ist keine Entscheidung, sondern wohl angeboren, sie kann darum nicht „weggemacht“ und man kann nicht zu ihr verführt werden, Homosexualität führt nicht zu sexuellem Missbrauch und die Homo-Ehe nicht zu Geburtenrückgang.
Was den letztgenannten Punkt betrifft, so stimme ich völlig zu:  Die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ist bedauerlicherweise keine Gefahr für die Gesellschaft, ganz im Gegenteil, und es steht auch nicht zu hoffen, dass sie als Mittel gegen Überbevölkerung taugt.
Auch an die Heilbarkeit von Homosexualität glaube ich nicht. Man kann niemanden gesund machen, der nicht krank ist. Dass man aber Leute manipulieren kann, bis sie ein X für ein U halten, glaube ich durchaus. Insofern kann man sicher Männern, die eine gesunde Freude am Begehren anderer Männer hatten, diese Freude verleiden und ihnen einreden, sie würden es jetzt doch wieder lieber mit Frauen treiben. Ob man das „Heilung“ nennen kann, ist eine andere Frage.
Was nun die Natürlichkeit der Homosexualität betrifft, so habe ich es immer schon für einen Vorzug homosexueller Handlungen gehalten, dass sie traditionell als widernatürlich angesehen werden. Die Idee nämlich, es existiere „Mutter Natur“, die festlegt, was sein darf und was nicht, ist mir ein Gräuel. Gerade, wenn es so etwas gäbe, was übrigens nicht der Fall ist, müsste man dagegen sein. Denn anständig ist einzig und allein, das zu tun, was gut und richtig ist, und nicht das, was natürlich ist. Das angeblich Natürliche erweist sich stets noch als Projektion sozialer Normen aufs vermeintlich Außergesellschaftliche.
Ich bin also für Widernatürlichkeit. Und auch für „Verführung“? Nun, wenn es Wege gibt, junge Menschen vor dem Terror der Normalität zu bewahren, sie von der Zwangsheterosexualität zu erlösen, in die sie als Untertanen ihrer Zivilisation unweigerlich verstrickt sind, dann sollte man diese unbedingt beschreiten. Wenn man jemanden zu nachhaltiger Homosexualität führen kann, umso besser. Das ist eine ethische Verpflichtung. Nicht, weil die so vorm Übel Bewahrten gefälligst ihre „innere Wahrheit“ zu entdecken haben, zu der sie endlich stehen und die sie korrekt benennen müssen, sondern weil Homosexualität nicht nur nicht weniger wert ist als Heterosexualität, sondern sogar … — aber nein, das darf man sicher auch nicht sagen! Alles muss ja gleichberechtigt sein.
Was für ein unheilvolles Vorurteil! Meine eigenes ist da radikal abweichend: Homosexualität ist gut, Heterosexualität aber, weil erzwungen, schlecht. Von sich aus, also ohne die Gesellschaft und ihre Nötigung zu Natürlichkeit und Normalität, wäre selbstverständlich jeder „homosexuell“. Oder meinetwegen polymorph-pervers. Dass es überhaupt „Heterosexuelle“ gibt, ist ein Zeichen dafür, dass etwas schief läuft. Dagegen muss man, wenn man schon nicht viel machen kann, wenigstens mit Entschiedenheit sein! Stattdessen aber, bloß, um sich als Schwuler (oder als Lesbe) nicht mehr rechtfertigen zu müssen, gegegengeschlechtliche Neigungen für gleichwertig und als zu akzeptierende Spielart der Natur auszugeben, geht mir entschieden zu weit. Lieber rechtfertige ich mich, als anderen, die ich der Verfehlung zeihe, die Rechtfertigung zu ersparen.
Ebenso wenig bin ich einverstanden mit dem inflationären Unsinn des „Ich habe es mir nicht ausgesucht, ich bin so geboren“. Ja, sicher, völlig richtig: Jeder ist „so“ geboren, nämlich mit der Fähigkeit, homosexuell zu begehren. Die Frage ist und bleibt jedoch, warum (also durch welche Gnade oder welches Verdienst oder welchen Zufall) manche das Glück haben, diese Fähigkeit auch anzuwenden, während andere, weniger Begünstigte ihre Zuflucht zu unappetitlichen Ersatzhandlungen nehmen.
Wenn Homosexualität — nicht missverstanden als Homosexuellsein der Homosexuellen, sondern begriffen als im Prinzip jedem Menschen mögliches Begehren und entsprechender Vollzug von Mann zu Mann —, wenn also Homosexualität nicht mehr als etwas betrachtet werden darf (und in der Folge: nicht mehr werden kann), das nicht einfach unter Zwang geschieht, sondern je und je bestimmte Entscheidungen erfordert, dann hört Homosexualität nicht nur auf, etwas Politisches sein zu können, denn Politik setzt ja voraus, dass man so oder anders handeln kann, sondern Homosexualität hört dann auch auf, etwas zu sein, was man überhaupt irgendwie gestalten kann. Einen schwulen Lebensentwurf kann man sich dann abschminken.
Das alles aber kommt bestimmten Lesbenundschwulen und ihren heterosexuellen Hintermännern und Hinterfrauen sehr zupass. Sie wollen keine kreative Kultur des Schwulwerdens, sondern unbedingt ein immer schon fertiges Schwulsein, eine „Identität“ also, die man in Dokumente ein- und als Stammesabzeichen vor sich hertragen kann. Mit folgerichtiger Infamie faseln sie von den „Menschenrechte(n) Homosexueller“, als ob es nicht das Besondere von Menschenrechten wäre, jedem Menschen zuzukommen. Der Einzelne soll jedoch neuerdings Rechte nur noch als Angehöriger eines Paares („Homo-Ehe“) oder einer Gruppe („Wir LGBTI*“) haben. Ab mit den Homos in die Mitte der Gesellschaft, ins gut kontrollierbare Ghetto!
Damit kommt die heterokratische Gesellschaft der Verwirklichung ihres alten Traumes von der Auslöschung der Homosexualität so nahe wie möglich. Homosexualität als Homosexuellsein ist nämlich als Spezifik einer bloßen Minorität aus dem Allgemeinen, dem jedem Möglichen hinausdefiniert. Die Mehrheit bleibt davon verschont. Und unbelastet von kritischen Fragen können die Heterosexuellen fortan ihrem monströsen Treiben ungestört nachgehen.
Aber Homosexualität, die toleriert werden kann, ist es nicht wert, praktiziert zu werden! Integrierte Schwule sind ethisch und ästhetisch kastrierte Schwule! Mann müsste wieder … Man könnte immer noch … Man sollte endlich … Aber ach, was reg ich mich auf! Kritische Konzepte von Homosexualität sind einfach nicht mehr erwünscht.
Perverserweise sind die Letzten, die mit öffentlicher Resonanz noch am Widernatürlichen (anders gesagt: am der Ideologie der Natur gegenüber Kritischen) und Subersiven (anders gesagt: am die gesellschaftliche Normen und Werte in Frage Stellenden) der Homosexualität festhalten, diejenigen, die diese aus altbackenem Biblizismus und fortschrittsunwilligem Verfolgungswahn heraus ablehnen. Das verstößt aber gegen den von interessierter Seite geforderten Konsens. Man muss diesen Unverständigen darum den Mund verbieten! Sie stemmen sich dem Zeitgeist entgegen und das darf man nicht. Sonst gibt’s — zumindest rhetorisch — was aufs Maul.
Nein, Zensur ist das nicht. Immerhin herrscht ja Meinungsfreiheit. Jeder darf sagen, was er denkt, solange es mit dem herrschenden Weltbild übereinstimmt. In Umbruchsphasen wie dieser, in der die ideologische Hegemonie bezüglich des Homosexualitätsverständnisses umkämpft ist, muss man eben, bevor die Leute von selbst sagen, was gehört werden darf, ein bisschen helfen, indem man „kritische“ Journalistinnen und Journalisten auf Abweichler ansetzt, die unter brachenunüblicher Hintanstellung des quotenfördernden Unterhaltungswertes bizarrer Sondervoten und anhand der checklist der gerade gültigen Doktrinen korrigierend in Kontroversen eingreifen.
„Es geht nicht (…) darum, jemanden [sic] das Recht auf Meinungsäußerung zu verbieten. Jeder darf diese [sic] äußern, solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt (und jeder darf dafür entsprechend kritisiert werden). Vielmehr geht es darum, ob er dies in Talkshows als gleichberechtigte Meinung als eingeladener ‘Experte’ kuntun [sic] darf, ohne jegliche journalistische Einordnung.“ (Norbert Blech) Zweckmäßig wäre also vielleicht ein, nein, kein gelber Hut, sondern ein Insert „Nichtexperte“, sobald solch eine Unperson ins Bild kommt, und der einzublendende Warnhinweis „Journalistisch als diskriminierend eingeordnet“ nach jeder entsprechenden Wortmeldung. Und wer nach alldem immer noch unbelehrbar bleibt, wird einfach aus den Fernsehstudios und Zeitungsspalten verbannt.
Dann hätte die Tugend einmal mehr über das Laster gesiegt. Ein bisschen Nachdruck braucht es dazu freilich schon. Zur Not muss man sich an die Staatsmacht wenden, auf dass der Rahmen der Gesetze neu justiert werde. Die Freiheit der Andersdenkenden bleibt davon unberührt, sie dürfen sie bloß nicht mehr ausüben. Nein, nein, so ein bisschen Tugendterror ist doch nichts Schlimmes. Das alles dient doch nur dazu, Würde und Menschenrechte zu verteidigen. Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke! Zensur ist Pressefreiheit!

Montag, 3. Juni 2013

Richtig pervers

„In den frühen 50er Jahren, meine Damen und Herren, wurde noch ernsthaft darüber diskutiert, wie sehr das Rückenmark durch Onanie geschädigt wird, ob es den weiblichen Orgasmus wirklich geben kann und inwiefern die Krankheit ‘Schwul’ ansteckend sei. Die sogenannte Sexuelle Revolution war also eigentlich dringend vonnöten. Leider geriet in der Hitze der 68er manches durcheinander. Die Befreiung geriet nur allzu leicht zur Nötigung. ‘wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.’ - das war nur die harmlosere Variante. Richtig pervers wurde es, als später Kinderschänder daran gingen, den Zeitgeist der Enttabuisierung für ihre Zwecke zu benutzen, auch politisch, wie die Grünen ja gerade aufzuarbeiten versuchen.“ (Beim Zappen gehört: Dieter Moor, Anmoderation eines ttt-Beitrags.)
Ich staune immer wieder darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute, die explizit um die historische Relativierbarkeit von Überzeugungen wissen (die damals — wir heute), ihre eigenen gegenwärtigen Überzeugungen für der Weisheit allerletzten Schluss halten. Sie relativieren eben nur in eine Richtung: früher war man noch nicht so weit, heute wissen wir es besser. Dass auf das Heute womöglich ein Morgen folgt und dass das, was heute nicht bezweifelt werden darf, dann womöglich als unvorstellbarer Blödsinn gilt, während anderes, was heute ausgeschlossen ist, vielleicht zur Selbstverständlichkeit wird, ist für sie anscheinend undenkbar. So kann man in aller Unschuld altertümliche Vokabeln wie „pervers“ und „Kinderschänder“ verwenden wie andere früher recht unproblematisch von „Rückenmarksschwund“ und „gleichgeschlechtlicher Unzucht“ redeten. Wie gesagt, ich staune. Immer wieder.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Aufgestöbert (bei John Corvino)

Why are some people so quick to latch on to bold claims about the biological origins of homosexuality? I think it's because they believe that we need to show that we're born gay in order to establish that our sexuality is a deep, important and relatively fixed part of who we are. But that's simply not true. Consider a counterexample: My comprehension of English is a deep, important and relatively fixed part of who I am. I could acquire other languages, of course, but none would subsume my native tongue at this point. Being forbidden to express myself in English would be a real deprivation. But I wasn't born comprehending English.

http://www.huffingtonpost.com/john-corvino/born-this-way_b_3111186.html

Warum greifen manche Leute so begierig nach gewagten Behauptungen über den biologischen Ursprung von Homosexualität? Ich nehme an, weil sie meinen, dass wir nachweisen müssen, als Schwule geboren zu sein, damit unsere Sexualität mit Sicherheit als tief verwurzelt, bedeutend und weitgehend unveränderlich gelten kann. Aber das stimmt einfach nicht. Hier ein Gegenbeispiel: Dass ich Englisch verstehe, ist ein tief verwurzelter, bedeutender und weitgehend unveränderlicher Teil dessen, was mich ausmacht. Selbstverständlich könnte ich andere Sprachen erlernen, aber mit keine könnte mir die Muttersprache ersetzen. Mich nicht mehr auf Englisch ausdrücken zu dürfen, wäre eine arge Entbehrung. Aber ich wurde nicht als jemand geboren, der Englisch versteht.

Montag, 27. Mai 2013

Antireligiöse Bigotterie

Zum Blog-Text „Abwehrmechanismen“ von „Steven Milverton“ habe ich mich ja bereits ausführlich geäußert. Da kann ich es beim zugehörigen Kommentar eines gewissen „Ralf“ eigentlich kurz machen. Der schreibt: „Nach meiner persönlichen Erfahrung wurzeln Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben in der Religion. Darauf öffentlich hinzuweisen, ist legitim.“ Was soll man dazu sagen? Selbstverständlich ist es legitim, wenn „Ralf“ darauf hinweist, dass seiner persönlichen Erfahrung nach Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben in der Religion wurzeln. Die Frage ist bloß, wen das interessieren soll. Denn davon abgesehen, dass der öffentliche Hinweis auf sie legitim ist, haben es persönliche Erfahrungen so an sich, dass es sich bei ihnen um Täuschungen handeln und dass ihre Deutung falsch sein kann. Beides, Täuschung und Irrtum, scheint mir nun aber bei „Ralfs“ legitimerweise veröffentlichter persönlicher Erfahrung eindeutig der Fall zu sein.
„Ralf“ weist auf seine persönliche Erfahrung hin. Das darf er, aber man darf auch fragen: Welche Erfahrung mit „der“ Religion soll das gewesen sein? Was soll man überhaupt unter „der“ Religion verstehen: jede einzelnen Religion, alle Religion, die Religion an sich (was immer das wäre)? Ich bezweifle, dass „Ralf“ tatsächlich mit jeder Religion bereits Erfahrungen gemacht hat und mit Religion an sich schon gar nicht. Und die Erfahrungen die er mit dieser oder jener Religion vielleicht tatsächlich hat, deutet er offensichtlich falsch.
Es wäre ja schon eine steile These, dass Religionen Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben verursachen. Denn so sehr es offensichtlich zutrifft, dass manche religiösen Überzeugungen zu schwulen- und lesbenfeindlicher Theorie und Praxis führen, so kann das doch nicht von jeder religiösen Überzeugung gesagt werden. Und umgekehrt können Religionen nicht darauf reduziert werden, eine Haltung zu Homosexualität, sei das eine ablehnende, befürwortende oder gleichgültige, darzustellen.
Nun sagt ja „Ralf“ aber gar nicht, dass Religionen Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben verursachen, sondern er formuliert es geradewegs umgekehrt: Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben wurzeln in der Religion. Das ist, so wie es da steht, eine noch steilere These, denn was besagt das, wörtlich genommen, anderes als dass „die Religion“ die einzige Ursache von „Homophobie“ ist.
Das ist selbstverständlich noch weniger zutreffend als es die Behauptung, irgendetwas an dieser oder jener Religion verursache Schwulen- und Lesbenfeindschaft, gewesen wäre. Ganz offensichtlich gibt es verschiedene Gründe und Motive, um etwas gegen Homosexualität und Homosexuelle zu haben. Auch Agnostiker, Atheisten und Religionshasser können „homophob" sein. Und auch Menschen, die zwar dieser oder jener Religion anhängen, müssen ihre Einstellung zur Gleichgeschlechtlichkeit nicht unbedingt aus ihren religiösen Überzeugungen ableiten, weder vollständig noch zum Teil.
Ich behaupte also, „Ralf“ kann die von ihm behauptete Erfahrung gar nicht gemacht haben und die Erfahrungen, die er womöglich gemacht hat, hat er falsch interpretiert. So wenig wie Medizin oder Jurisprudenz als solche verwerflich sind, weil Mediziner und Juristen mit medizinischen und juristischen Mitteln gegen Menschen vorgegangen sind, die sich gleichgeschlechtlich betätigt hatten oder dies wollten, so wenig kann pauschal Religion zur Ursache von Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben erklärt werden.
Ich sagte es an anderer Stelle bereits und wiederhole es: Antireligiöse Ressentiments machen dumm. Sie verstellen den Blick auf die Realität. Diese unheilvolle Wirkung teilen sie mit der Bigotterie. Ja, sie sind im Grunde dasselbe wie diese, nur negativ gewendet.

Sonntag, 26. Mai 2013

Ein Blogger und der Rassismus

„Niemand hat rechte Thesen ins Gespräch gebracht.“ Hoppla, die Parallele zum berühmt-berüchtigten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, fällt dem Blogger „Steven Milverton“ offensichtlich nicht auf; er schreibt einfach munter drauf los: „Niemand hat rechte Thesen ins Gespräch gebracht. Die Forderung lautet, sich mit diesen Thesen auseinander zu setzten, um da, wo die Rechten puren Populismus betreiben, diesen als solchen zu entlarven, und da, wo die Rechten mit echten Inhalten aufwarten, diese differenziert zu analysieren und mit eigenen Vorstellungen zu kontern. Dazu muss man aber über diese Thesen reden. Das ist etwas anderes, als ein ins Gespräch bringen, (…)“
Das ist falsch. Ins Gespräch bringen oder darüber reden ist gehupft wie gesprungen. Zumal über die Thesen von „Pro Köln“ und anderen rechten Gruppierungen längst alles gesagt. Sie sind indiskutabel. Rassismus ist indiskutabel.
„Steven Milverton“ aber sieht Diskussionsbedarf. Allerdings darf nicht so diskutiert werden, wie es ihm nicht genehm ist: „Ein zuverlässiger und vorhersehbarer Mechanismus wird in Gang gesetzt, dessen Ziel es ist, die aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettete Hegemonie und den damit verbundenen, aus der alternativen Szene und dem linken politischen Spektrum der neunziger Jahr übernommenen Interpretationsrahmen für Gut und Böse zu verteidigen.“
Ach ja, die üble alte Hegemonie der Linken. Für diese merkwürdigen Leute und die von ihnen Verführten ist Rassismus tatsächlich böse und Antirassismus gut. Was für ein grotesker Interpretationsrahmen! Und so oldschool. Zuverlässig und vorhersehbar auf rechtes Gedankengut allergisch zu reagieren, das ist doch total out. Heutzutage liebäugelt man lieber mal auch mit dem rechten Rand.
Bei „Steven Milverton“ heißt das: „Ich könnte mir vorstellen, dass der Versuch, einen Menschen dort abzuholen, wo er steht, erfolgversprechender ist, als ihn einfach nur für seinen Standpunkt zu beschimpfen.“
Nun, ich hingegen könnte mir vorstellen, dass Rassisten Rassisten zu nennen, egal, ob das nun erfolgversprechend ist oder als Beschimpfung verstanden wird, schlicht das menschlich Anständige ist, während jeder Versuch, den Leuten in ihrem Alltagsrassismus entgegenzukommen schlechterdings unanständig ist.
Darum komme ich auch der Bitte von „Steven Milverton“ — „Hält man mir beispielsweise vorhält ich wäre rassistisch, dann wäre es hilfreich, wenn einmal streng entlang der Bedeutung des Begriffs Rassismus argumentiert würde, wo ich mich rassistisch geäußert haben soll.“ — gerne nach.
In seinem „Jahrelange Versäumnisse“ überschrieben Blog-Text schreibt „Steven Milverton“: „(…) wenn aus dem rechten politischen Spektrum gegen schwule Menschen geredet oder gehandelt wird, führt dies zu großer Empörung. Bemerkenswert an dieser Empörung ist allein ihre Reflexartigkeit — eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung findet sind [gemeint ist wohl: nicht, Anm.] statt, jedenfalls nicht außerhalb elitärer Kränzchen.“
Das ist falsch. Es stimmt einfach nicht, dass es keine fundierte Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit gäbe, es sei denn, „Steven Milverton“ erklärt alles, was es zum Beispiel an antirassistischer Kritik gibt, zur Äußerung von „elitären Kränzchen“. (Dass sich zum Beispiel GLADT als ein solches versteht, wage ich zu bezweifeln.) Selbstverständlich gibt es seit langem viele fundierte Auseinandersetzungen mit rechtem Gedankengut (sofern man da von „Gedanken“ sprechen kann) und rechtem Handeln, gerade auch von Schwulen und Lesben. Das zu ignorieren bzw. als „elitär“ abzuwerten, ist bereits Teil der von „Steven Milverton“ betriebenen anti-linken und pro-rechten Strategie. Er fährt nach dem oben Zitierten fort:
„Hingegen: Ist verbale oder physische Gewalt islamisch motiviert (oder wird einfach nur mit dem Islam begründet), bleibt die Empörung aus.“
Das ist ebenfalls falsch. Sowohl die Mainstream-Medien wie leider oft genug auch solche Medien, die sich als Sprachrohre einer LGBT-Community verstehen, tragen dazu bei, das Phantom des migrantisch-muslimisch-homophoben Gewalttäters zu erzeugen und zu verbreiten. Ist ein mutmaßlicher Täter einer berichteten Gewalttat mutmaßlich oder erwiesenermaßen „nicht deutsch“, wird das eher erwähnt, als wenn er „deutsch“ ist. Gerade daran entzündet sich ja immer wieder antirassistische Kritik.
Doch wie gesagt, jenes unheimliche Wesen, das zugleich Migrant, Moslem, Homophober und Gewalttäter ist und regelmäßig Homos bedroht oder attackiert, ist ein Phantom. Wie beim Yeti, den kleinen grünen Männchen oder dem Ungeheuer von Loch Ness will zwar immer mal wieder jemand derlei gesichtet haben, aber überzeugende Beweise gibt es nicht. Gewiss, anders als bei Yeti und Nessi ist es nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, dass irgendwo Menschen existieren, die sowohl schwulenfeindlich sind als auch keine deutschen Staatsbürger, die sowohl in Wort und Tat gegen Schwule vorgehen als auch dem Islam anhängen, ja es ist sogar ziemlich sicher, dass man Leute finden wird, auf die alle vier Kriterien zutreffen: Migrationshintergrund, Islam, Homophobie, Gewalt. Es ist nur so, dass erstens diese Leute, wenn man sie denn identifizieren könnte, keine geschlossene und schon gar keine gesellschaftlich relevante Gruppe darstellen würden; und dass zweitens die einzelnen Bestandteile der Konstruktion keine notwendige Verbindung haben: nicht jeder Migrant ist ein Moslem, nicht jeder Moslem ist homophob, nicht jeder, der Schwule missachtet, schlägt auch zu.
Man muss „Steven Milverton“ zu Gute halten, dass er in den hier zitierten Blog-Texten nicht ausdrücklich von „Migranten“ spricht. Das lässt er Markus Danuser tun, den er mit den Worten zitiert: „(…) auch im toleranten Köln gibt es immer wieder Gewalt gegen Lesben und Schwule, und das zumindest subjektive Empfinden der Betroffenen ist dabei oft, dass die Täter mehrheitlich einen Migrationshintergrund haben und/oder aus islamisch geprägten Milieus stammen.“ Auch ohne also selbst antimigrantische Töne von sich zu geben, spielt „Steven Milverton“ doch unüberhörbar die alte Leier vom Fremden, auf den sich so herrlich Angst und Hass projizieren lassen, wobei es im Effekt egal ist, ob dabei dessen von einer unterstellten deutschen Normalität abweichende Herkunft oder die abweichende Religionsangehörigkeit oder beides hervorgehoben wird. Milieu ist Milieu, und wehe, es ist undeutsch geprägt!
„Steven Milverton“ möchte gern zwischen „purem Populismus“ und „echten Inhalten“ von „Pro Köln“ unterscheiden. Das daraus nichts werden kann, versteht sich eigentlich für jeden halbwegs intelligenten Menschen von selbst. Vielleicht aber glaubt „Steven Milverton“ ja, offener Rassismus (also gegen Migranten zu sein) sei populistisch, sein mit „Pro Köln“ geteilter Antiislamismus (also gegen Muslime zu sein) hingegen sei ein „echter Inhalt“. Vielleicht legt er deshalb sein Phantom etwas anders an. Nicht der Migrationshintergrund steht bei ihm im Vordergrund, sondern die Religion. Das macht es freilich nicht besser und schon gar nicht realistischer. Denn was man sich unter „islamisch motivierter oder einfach nur mit dem Islam begründeter“ verbaler oder physischer Gewalt vorzustellen hat, bleibt völlig offen. Auf welche Fälle bezieht „Steven Milverton“ sich da? Wie groß ist ihre Zahl, was waren die näheren Umstände?
Dazu kein Wort. Es wird einfach so getan, als gäbe es diese „muslimische Gewalt“ gegen Homosexuelle, als wäre der Umstand, dass jemand Moslem ist, die Ursache homophoben Denkens und Handelns. Dass das so nicht der Fall sein kann, zeigt eine einfache Überlegung: In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime und Musliminnen. Also müsste es, wenn jeder Moslem schwulenfeindlich und von seiner Religion zu Gewalt gegen Schwule oder Lesben motiviert wäre, eigentlich jedes Jahr Millionen von verbalen und physischen Angriffen auf Homosexuelle geben. Davon ist aber nichts zu bemerken.
Gewiss, damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass theoretische und praktische Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit zuweilen mit religiösen Argumenten begründet wird. Dies allerdings nicht nur bei Muslimen, sondern auch bei Juden und Christen sowie bei der einen oder anderen Richtung des Buddhismus oder Hinduismus. (Auch sind Agnostiker und Atheisten nicht per se homosexuellenfreundlich.) Religiöse Argumentation kann stattfinden oder nicht, ihr kann von anderen Angehörigen derselben Religion oder Konfession widersprochen werden oder nicht — dass aber ein zwingender Zusammenhang zwischen irgendeiner Religionszugehörigkeit und antischwuler und antilesbischenr Gewalt existiert, ist eine offensichtlich und nachweislich falsche Annahme.
Und damit kommt nun bei „Steven Milverton“ der Rassismus ins Spiel. Er konstruiert ein Feindbild. Der Feind glaubt an Gott. Doch obwohl er, wie er oft genug gezeigt hat, eigentlich alle Religionen hasst, schreibt „Steven Milverton“ hier nur von „islamisch motivierter (oder einfach nur mit dem Islam begründeter) verbaler oder physischer Gewalt“. Und dies nicht zufällig oder beispielhaft, sondern gewollt einseitig, da er sich damit ja ausdrücklich auf „Pro Köln“ bezieht. Denn dass die von „Steven Milverton“ und anderen phantasierte „islamisch motivierte Gewalt“ angeblich keine Empörung auslöst, bietet der rechten Truppe vermeintlich eine Chance: „Genau diesen Befund macht sich Pro Köln zu nutze. Pro Köln weiß sehr genau, dass sich die Kritik schwuler Funktionäre und ihrer Verbände auf Stammtischparolen beschränkt.“ Welche Stammtischparolen das sind, sagt „Steven Milverton“ nicht. Vermutlich „Nazis raus“ und „Keine Chance für Rassismus“ …
Ab hier driftet „Steven Milverton“ dann endgültig ins Irreale ab: „Pro Köln spielt sich als Beschützer auf. Pro Köln kann das tun, weil schwule und lesbische Menschen den Eindruck erwecken, sich könnten sich selbst gegen im Islam verwurzelte Schwulenfeindlichkeit nicht wehren. Dass dieser Eindruck entstehen musste ist auf jahrelange Versäumnisse der schwulen Community zurückzuführen.“
Moment mal! Was für eine infame Strategie: Erst erfindet man eine Bedrohung, die es gar nicht gibt, dann greift man die an, die gegen die eingebildete Bedrohung nichts unternehmen wollen. Was wären denn die Versäumnisse der „schwulen Community“ gewesen? „Die einseitige politische Anbindung an die Partei Bündnis 90/Die Grünen hat eine gewisse Betriebsblindheit herbeigeführt und statt einer gründlichen, klaren und vollständigen Analyse des vom Islam ausgehenden Bedrohungspotenzials ist ein Schmusekurs eingeschlagen worden, der letztlich zu einer thematischen Lücke geführt hat. Pro Köln besetzt dieses Thema nun und biedert sich als Retter schwuler Menschen an. Insoweit kann die Antwort nur darin bestehen klarzumachen, und zwar sowohl nach innen als auch nach außen, dass, wenn ich es in Anlehnung an Danuser formulieren darf, der mögliche Zusammenhang zwischen sich in Gewalt entladender Homophobie und der kulturell-religiösen Prägung einzelner Tätergruppen nicht geleugnet wird und dass schwule Menschen sehr wohl in der Lage sind, ihre diesbezüglichen Interessen zu formulieren und zu vertreten. Wenn wir hier der Nachhilfe von Pro Köln bedürften, wäre das mehr als peinlich. Schwule Menschen müssen auch zu diesem Thema endlich sprechfähig werden.“
Nun, dem kann leicht abgeholfen werden. Hier spricht ein „schwuler Mensch“ und sagt: Was die Analyse des islamischen Bedrohungspotenzials betrifft, so lautet diese gründlich, klar und vollständig, dass es ein solches Bedrohungspotenzial nicht gibt. Darum existiert auch keine thematische Lücke. Das Thema lautet Rassismus, und der wird bereits recht lückenlos thematisiert. Der „mögliche Zusammenhang zwischen sich in Gewalt entladender Homophobie und der kulturell-religiösen Prägung einzelner Tätergruppen“ wird auch keineswegs geleugnet, sondern ist seit langem gründlich, klar und vollständig widerlegt.*
Nicht das Phantom des migrantischen, also muslimischen, also homophoben Gewalttäters ist ein wirklich bestehendes gesellschaftliches Problem, sondern die Verbindung von sozialer, wirtschaftlicher, bildungsmäßiger und kultureller Ausgrenzung und Marginalisierung durch die Mehrheitsgesellschaft bildet einen Nährboden von Gewalt, die sich ihre Opfer dann gegebenenfalls auch unter Schwulen und Lesben sucht. Einem depravierten Jugendlichen, der ansonsten keine Perspektiven hat, bleibt unter Umständen immer noch, dass er wenigstens nicht schwul ist. Daraus lässt sich womöglich für den Frustrationsabbau was machen.
Homophobe Gewalt geht also nicht von „den“ Migranten oder auch nur „den“ Muslimen aus, sondern hat komplexe Ursachen. Über die kann man reden. Und es wird ja auch über sie geredet. Doch „Steven Milverton“ ignoriert konsequent jede Gesellschatskritik, wohl weil diese nahezu notwendig links ist.
Das macht „Steven Milverton“ dann auch anfällig für Rassismus. Nicht weil er etwa mit dem Begriff „Rasse“ hantieren oder Menschen ausdrücklich auf ihre Herkunft festlegen und diese abwerten würde. Der hier praktizierte Rassismus ist viel indirekter.
Um es ganz klar zu sagen: Rassistisch ist es, gegen Muslime zu hetzen, indem man diese als homogene Gruppe imaginiert, die eine Bedrohung darstellt. Auf was soll das denn sonst hinauslaufen als auf die Frage: Wir oder die? Entweder müssten alle Muslime gute Atheisten werden wie „Steven Milverton“ oder — ja, was? Was sind denn die „diesbezüglichen Interessen“ der Homosexuellen, die angeblich endlich „formuliert und vertreten“ werden müssen? Alle Muslime raus aus Deutschland?
Mir leuchtet, wenn ich das einwerfen darf, nur ein Interesse „schwuler Menschen“ ein (das sie übrigens, wenig überraschend, mit allen anderen Menschen teilen): In einer gerechten Gesellschaft zu leben, in der niemand ausgebeutet und niemand ausgegrenzt wird — schon gar nicht wegen seiner Herkunft, seinem Glauben oder seiner sexuellen Orientierung. (Wegen politischer Destruktivität aber sehr wohl: Wer gegen „Fremde“ hetzt, gehört ausgegrenzt.)
Im Übrigen sollte man mal festhalten, dass Pro Köln sich selbstverständlich nicht für die Ursachen von Homophobie interessiert. Warum auch? Homophob ist man selber. Worum es geht, ist rassistische Hetze. Weil die aber anti-links ist und sich anti-muslimisch gibt, hat „Steven Milverton“ ein offenes Ohr dafür. Nein, selbstverständlich ist er kein erklärter Pro-Köln-Anhänger. Im Grunde ist ihm der Verein noch zu lasch: „Es geht nicht darum, die Ideen von Pro Köln zu übernehmen. Eigene Ideen sind gefragt, möglichst besser[e,] als Pro Köln sie sich jemals ausdenken könnte.“ Also noch rechter, noch islamfeindlicher, noch rassistischer?
Anders als „Steven Milverton“ glauben machen möchte, gibt es an den „Thesen“ von „Pro Köln“ eigentlich nichts zu diskutieren. Deren Programmatik lautet schlicht: gegen „Islamisierung“, gegen „Asylmissbrauch“ und für Deportationen („Abschiebung“), gegen die Förderung von „Randgruppen“ und deren „unsinnige Projekte“, für die Wiedereinführung der D-Mark, gegen eine EU-Beitritt der Türkei. Die Partei gilt als rechtsextremistisch und rekrutiert ihr Personal in den entsprechenden Organisationen. Und darüber möchte „Steven Milverton“ diskutieren? Was denn?
Ausdrücklich geht es „Steven Milverton“ zwar nur um den Islam und die Bedrohung, die dieser angeblich darstellt, insbesondere für „schwule Menschen“. Indem er aber meint, hier Gedankengut bei „Pro Köln“ aufgreifen und weiterentwickeln zu können, treibt er implizit deren rassistische Projekt voran. Rassismus heißt, zwischen „uns“ und „denen“ zu unterscheiden, „die“ abzuwerten und letztlich abschaffen zu wollen: „Die müssen sterben, damit wir leben könne.“
Zugegeben, es gibt andere Konzepte von Rassismus als das hier von mir skizzierte, an Foucault angelehnte. Aber „die“ Bedeutung „des“ Begriffes, wie „Steven Milverton“ es vielleicht gerne hätte, gibt es ohnehin nicht. Man wird also immer nur entlang der Bedeutung eines bestimmten Begriffes argumentieren können. Das meine ich hier getan zu haben.
„Steven Milverton“ meint, die Antwort auf „Pro Köln“ könne nur darin bestehen, den Rassismus dieses Gesindels implizit zu teilen und explizit ins Antireligiöse zu wenden. Den Rechten aber ist es wurscht, ob es gegen Migranten oder Muslime geht. Das sind nur verschiedene Etiketten für denselben Feind. Immer ist die Devise: Der Fremde muss weg. Man muss schon ziemlich blind oder (antireligiös und antilinks) verblendet sein — oder eben doch am Fremdenhass Gefallen finden —, um hier Diskussionsbedarf zu sehen. Nein, Antirassismus ist kein „langjähriges Versäumnis“ und kein reflexartiger „Abwehrmechanismus“, der Kritik verhindern soll. Im Gegenteil, er ist, ich sagte es schon, eine bewusste Selbstverständlichkeit für alle Anständigen. Mit dem Geschwätz von Rassisten zu liebäugeln, bloß weil diese ihren Feind auch schon mal als Moslem drapieren, ist hingegen schlichtweg unanständig.

* Zur Einführung in die Thematik empfehle ich den von Koray Yilmaz-Günay herausgegebenen Sammelband "Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre 'Muslime versus Schwule'" (2011). Mehr über dieses unbedingt lesenswerte Buch (und wo man es bekommt) erfährt man hier.

Montag, 7. Januar 2013

Dünnschiss und Wahn

Antireligiöse Ressentiments machen dumm. Diese alte Erfahrung bestätigt leider immer wieder auch der Blogger „Steven Milverton“, der es mit unschöner Regelmäßigkeit schafft, etwas Kluges und Richtiges zu schreiben, das er dann durch religionsfeindlichen Unsinn wieder durchkreuzt.
So zum Beispiel auch in dem Text „Das Beschneidungsgesetz“ (6. Januar 2013). Zu Recht erklärt „Steven Milverton“ dieses Gesetz, das er in voller Länge (sogar einschließlich der Unterschriften) zitiert, für Unrecht. Ein bisschen albern ist es freilich, wenn „Steven Milverton“ meint, wenn Deutschland ein Rechtsstaat wäre, müssten sich „die Abgeordneten, die dem Gesetz zugestimmt haben, die Regierungsmitglieder, die es unterzeichnet haben und der Bundespräsident, der es ausgefertigt und verkündet hat, wegen Beihilfe zur Körperverletzung, gegebenenfalls sogar schwerer Körperverletzung oder sogar wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht verantworten“. „Steven Milverton“ ist offensichtlich kein Jurist und verwechselt seine private Paragraphendeutung mit verallgemeinerbarem Rechtsverständnis. Sinn des Beschneidungsgesetzes ist es ja gerade, von der Strafbarkeit von Körperverletzung eine bestimmte Ausnahme gelten zu lassen. Im Sinne einer politischen Polemik ist die Gleichung „Zustimmung zum Beschneidungsgesetz ist Körperverletzung“ jedoch halbwegs akzeptabel.
Der eindeutige Unsinn kommt im nächsten Absatz: „Wenn man mir noch Anfang des vergangenen Jahres gesagt hätte, in Deutschland würde irgendwann einmal die Scharia (oder anderes religiöses Machwerk) gelten, hätte ich das nicht für möglich gehalten, sollten doch gerade die Deutschen wissen, was ein Gottesstaat mit den Menschen macht — immerhin gab es das in Deutschland schon einmal. Gott hörte damals auf den Namen Adolf Hitler und ließ sich auch gerne Führer rufen. Bejubelt wurde er von katholischen wie evangelischen Christen gleichmaßen.“
Die Gleichsetzung von Nazismus und Religion ist so dumm, ungebildet und albern, das man nicht darüber diskutieren kann. Für solche Absurditäten ist wohl eher das psychiatrische Fach zuständig. (Man weiß ja, wo sein Religionshass beispielsweise Panizza hingeführt hat.)
Was aber die Geltung der Scharia (als angebliches Exempel eines „religiösen Machwerks“) betrifft, so zeigt „Steven Milverton“ hier einmal mehr sein Unwissen. Sein Ressentiment macht ihn dumm. Hätte er sich auch nur ein bisschen informiert, wüsste er, dass in Deutschland sehr wohl die Scharia gilt. Etwa im Erb- oder Eherecht. Die Anwendung von Rechtsvorschriften ist beschränkt, aber als Teil des Internationalen Privatrechts in gewissem Umfang verpflichtend. (Ich empfehle zu diesem Thema „Scharia in Deutschland“", einen einführenden Text von Mathias Rohde. Oder wenigsten diesen Zeitungsartikel: „Scharia hält Einzug in deutsche Gerichtssäle".)
Doch die gesellschaftliche Wirklichkeit interessiert „Steven Milverton“ nicht. Er will seine Vorurteile pflegen. „Man braucht sich nur auf religiösen Dünnschiss zu berufen und behaupten, man wisse was man tue. Tiere sind in Deutschland besser geschützt als Kinder. Ich halte es für einen Skandal. Mit diesem Gesetz wird klar denkenden Menschen die Möglichkeit abgeschnitten, gegen religiösen Wahn vorzugehen.“ Diesen Unsinn verzapft er, obwohl er den Wortlaut des Beschneidungsgesetzes selbst zitiert hat! Anscheinend hat er es nicht gelesen oder nicht verstanden. Im Gesetzestext ist nämlich mit keinem Wort von einer religiösen Motivation oder Rechtfertigung der Beschneidung die Rede. Die zentrale Bestimmung lautet: „Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll.“ Wo ist da der „religiöse Dünnschiss“, der „religiöse Wahn“? Offensichtlich nur im Kopf von „Steven Milverton“.
Gegen Beschneidung Unmündiger zu sein, ist richtig. Für sie wird oft, aber nicht allein, mit der Notwendigkeit argumentiert, durch sie eine Zugehörigkeit, insbesondere zum Judentum oder zum Islam, auszudrücken. Gerade die deutsche Beschneidungsdebatte, die sich auf den unsinnigen Gegensatz „Für das Beschneidungsrecht von Juden oder Gegen die Juden“ zuspitzte, gerade diese Debatte hat nämlich am Rande auch gezeigt, dass selbst nicht-religiöse und atheistische Juden ihre Söhne unbedingt beschneiden lassen wollen. Es geht also, darf man daraus schließen, primär um Gruppenzugehörigkeit und nicht um Religion.
„Steven Milverton“ ist ein Opfer seiner Vorurteile. Seine Ressentiments verstellen ihm den Blick, sein Hass beschädigt sein Urteilsvermögen. Das ist schade. Gewiss, auch andere schreiben, wenn es um Religiöses geht, viel dummes Zeug. Bei „Steven Milverton“ aber wird einem damit das halbwegs kluge Zeug, das er mitunter auch schreibt, verleidet.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Heißt „konstruiert“ denn „inexistent“?

Das Internetportal „queer.de“ ist nicht gerade dafür bekannt, seine Nutzer mit intellektuellem Kram zu behelligen. Man befasst sich dort für gewöhnlich lieber mit Klatsch und Tratsch, mit lifestyle und mit einem etwas schrägen Blick aufs Politische. Umso überraschender war es, dass man am Silvestertag des Jahres 2012 Burkhard Scherer Gelegenheit gab, unter der Überschrift „Die Mehrheit ist hetero – wie queer sind wir?“ ein paar Gedankengänge aus dem Bereich dessen, was man Queer Theory nennt, in einfachen worten darzustellen. Die erwartbaren Reaktionen blieben nicht aus.
„Ich bezweifle, dass mittlere Vorlesungen dieser Art überhaupt ihre Leser finden werden, denn hier nervt allein schon mal die Textmenge, mit der im Grunde genommen nichts ausgedrückt wird, was nicht schon offenkundig wäre.“
„Queer-Quatsch (…) eine akademische Diskussion, die elitär geführt wird und für die Menschen keinen Nutzen hat. (…) Das ist nur ein affiger Murks, der einem akademischen Wolkenkuckusheim entspringt.“
„Ich gebe zu, nach der Hälfte des Textes nicht weitergelesen zu haben, weil langweilig, nichts neues, nichts fesselndes.“
„Dieser Artikel ist kaum lesbar (zu lang ) und fällt unter die Kategorie :unnötiges Geschwätz.“
Ins selbe Horn stieß auch „Adrian“ vom Blog „Gay West“: „ein unglaublich kompliziert geschriebener Beitrag (…), der wieder einmal versucht, aus Homosexualität eine Lebensweise, wenn nicht gar eine Revolution zu machen. (…) Der Beitrag eines/einer gewissen Dr. B. Scherer strotzt im folgenden geradezu von Klischees, Verallgemeinerungen und postmodernen Plattitüden.“ Und dann wird ausführlich zitiert, was „Adrian“ anscheinend nicht mit eigenen Wort wiedergeben kann.
Zwischendurch gelangt „Adrian“ zu erstaunlicher Einsicht: „Ich für meinen Teil, weiß dass ich in einer heterosexuellen Welt lebe. Den Grund hierfür sehe ich ganz simpel darin, dass die meisten Menschen heterosexuell sind.“ Auf den Gedanken, dass deshalb die meisten Menschen heterosexuell sind, weil sie in einer heterosexuellen Welt leben, kommt „Adrian“ selbstverständlich nicht. Solch kritische Erwägung hielte er wohl für „postmodern“.
„Denn was soll es eigentlich bedeuten, Hautfarbe, Klasse, Behinderungsstatus etc. in Frage zu stellen? Soll das heißen, sich hinzustellen und zu behaupten, man sei nicht weiß, sondern habe eine schwarze Hautfarbe? Man sei nicht untere Mittelklasse, sondern Bourgeoisie? Man sei nicht querschnittsgelähmt, sondern so wie alle anderen?“
Hier stellt sich jemand nun wirklich dumm. Eine Analyse der Weisen vorzunehmen, in denen Menschen nach Rasse, Klasse, Geschlecht usw. eingeteilt werden, bedeutet selbstverständlich nicht, die realitätsstiftende Macht dieser Einteilungen zu leugnen oder sie für durch rein verbale Umetikettierung veränderbar zu halten. Dass jemand querschnittgelähmt ist, ist eine medizinische Diagnose, dass er behindert ist, eine gesellschaftliche Veranstaltung.
Darum ist es Unsinn, wenn „Adrian“ behauptet: „Es mag zuweilen schmerzlich sein, aber eine Minderheit zu sein, ist so schlimm auch nicht. Individualität bedeutet, Unterschiede anzuerkennen und sie als Teil der Pluralität des Lebens zu akzeptieren. Aber zu versuchen, diese Unterschiede einzuebnen, diese als nichtexistent, als Konstruktion zu betrachten, halte ich in höchsten Maße für absurd. Ganz einfach, weil es der Lebensrealität widerspricht. Und weil Kategorien nützlich sein können.“
Der Kern des Missverständnisses besteht in der Gleichsetzung von „konstruiert“ und „inexistent“. Wäre dem so, wäre, wie viele glauben, jeder Sozialkonstruktivismus einfach nur lächerliches Hirngespinst. Es ist aber nicht dasselbe, die Weisen aufzuzeigen, wie etwas gesellschaftlich produziert wird, sich also als nicht naturwüchsig erweist, und zu behaupten, es existiere gar nicht. Der Eiffelturm in Paris ist mit Sicherheit nicht von selbst gewachsen, sondern eine Konstruktion. Existiert er deshalb nicht? Die deutsche Straßenverkehrsordnung oder der Nürnberger Christkindlesmarkt: Gibt es sie etwa von Natur aus? Oder wurden und werden sie von Menschen gemacht? Existieren sie deshalb nicht? Kurzum, nicht der Sozialkonstruktivismus ist lächerlich, sondern solche Kritik daran, die „konstruiert“ mit „inexistent“ gleichsetzt, als ob gerade das die sozialkonstruktivistische These wäre.
Auch mit den Einteilungen „Hautfarbe, Klasse, Behinderungsstatus etc“ verhält es sich so. Dass es von Menschen gemachte Zuschreibungen und Einteilungen sind, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt, dass sie nicht wirklich sind und Wirklichkeit bestimmen. Im Gegenteil, gerade dass sie gemacht werden, dass sie vollzogen werden müssen, um zu existieren, verleiht ihnen die Macht von Tatsachen. Die politische Folgerung, die sich aus sozialkonstruktivistischen Überlegungen ergeben kann, lautet allerdings: Was von Menschen gemacht ist, kann unter Umständen auch anders gemacht werden. Die Einteilungen, wie sie derzeit nach Rasse, Klasse, Geschlecht usw. vorgenommen werden, können auch anders oder gar nicht erfolgen.
Was daran „absurd“ sein soll, sehe ich nicht. Ich halte auch nichts davon, die „Pluralität des Lebens“ kritiklos hinzunehmen, statt Unrecht, das man als solches erkennt, zu benennen und nach Wegen der Veränderung zu suchen. „Lebensrealität“ ist, anders als Leute wie „Adrian“ gerne glauben (machen) möchten, nichts ein für alle mal Vorgegebenes, sondern etwas, das so oder so von allen aneinander gestaltet wird. Gewiss sind „Kategorien“ nützlich. aber wem nützen sie wann wie? Welche anderen Kategorien sind denkbar und lebbar? Welcher andere Nutzen kann aus anderen Kategorien gezogen werden? Fragen über Fragen, die man sich als theoriefeindlicher Tropf naturgemäß nicht stellen muss.

Dienstag, 1. Januar 2013

Sodomiten oder Homosexuelle?

In einem Buch blätternd, das durchzulesen ich gerade nicht die Zeit habe, stoße ich — zugebenermaßen nicht zufällig, sondern nach Befragung des Registers — auf diese Stelle: „Michel Foucault and his followers have argued that the ‘homosexual’ is a modern invention, a mental construct of the last hundred years. This is, of course, true, of homosexuality as a ‘scientific’ or psychatric category. But it is a mistake to presume that earlier ages thought merely of sexual acts and not of persons. Medieval literature speaks not only of sodomy but also of ‘sodomites’, individuals who were a substantial, clear, and ominous presence. The fact that such beings were perceived from a theological rather than a psychological point of view did not make them any less real, or less threatening.“ (Louis Crompton: Homosexuality & Civilization, Cambridge/Ma. 2003, S. 174 f.)
So, so, es ist also ein Fehler, anzunehmen, frühere Zeiten hätten nur an sexuelle Handlungen und nicht an Personen gedacht. Aber wer begeht diesen Fehler oder hat ihn begangen? Mir ist nicht bekannt, dass Foucault oder irgendjemand, der sich dabei auf ihn berufen könnte, je geleugnet hätte, dass es eine mittelalterliche oder neuzeitliche Rede von „Sodomiten“ gab. Im Gegenteil, der Ausdruck „Sodomit“ kommt ja sogar ausdrücklich in jener zu Recht berühmten Formel vor: „Le sodomite était un relaps, l’homosexuel est maintenant une espèce.“
Dieser vielzitierte Satz steht am Ende eines Abschnittes, der es, weil er so wichtig ist, verdient, hier zur Gänze wiedergegeben zu werden: „Die Sodomie — so wie die alten zivilen oder kanonoschen Rechte sie kannten — war ein Typ von verborgenen Handlungen, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität. Sie ist überall in ihm präsent; allen seinen Verhaltensweisen unterliegt sie als hinterhältiges und unbegrenzt wirksames Prinzip; schamlos steht sie ihm ins Gesicht und auf den Körper geschrieben, ein Geheimnis, das sich immerfort verrät. Sie ist ihm konsubstantiell, weniger als Gewohnheitssünde denn als Sondernatur. Man darf nicht vergessen, daß die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie sich an dem Tage konstituiert hat, wo man sie (…) weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmten Qualität sexuellen Empfindens, einer bestimmten Weise der innerlichen Verkehrung des Männlichen und des Weiblichen charakterisiert hat. Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter. der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, übers. v. U. Raulff u.W. Seitter, Frankfurt a.M. 1977, S. 58)
Mit keinem Wort sagt Foucault hier (oder anderswo), dass der Sodomit „less real“ sei als der Homosexuelle. Allerdings ist seine Realität eben eine andere als die des Homosexuellen, sie wird anders verstanden und anders gelebt. Die Unterstellung, dass es „Foucault and his followers“ zufolge erst des modernen Konzepts einer „spezifischen Homosexualität“ (also der Homosexualität als Homosexuellsein der Homosexuellen) bedurfte, um nicht nur Taten, sondern auch Täter zu benennen, ist offenkundig falsch.

Selbstverständlich war auch in vormodernen Zeitenes nicht nur von Sodomie, sondern auch von Sodomitern die Rede, wie ja überhaupt nicht nur von Sünden, sondern auch von Sündern, nicht nur von Lastern, sondern auch von lasterhaften Menschen, nicht nur von Lüge, Diebstahl, Mord, sondern auch von Lügnern, Dieben, Mördern die Rede war. Die Frage ist freilich, wie das Verhältnis von Tat und Täter verstanden wird, ob also beispielsweise einer lügt, stiehlt oder mordet und dadurch zum Lügner, Dieb oder Mörder wird, oder ob er von vornherein als einer bestimmten Gruppe zugehörig gedacht wird, also einer von den Lügnern, Dieben oder Mördern ist, weshalb dann seine tatsächlichen Lügen, Diebstähle oder Morde nur noch Manifestationen eines auch ohne solche Handlungen latent schon zuvor vorhandenen und diese bedingenden Lügnerseins, Diebseins, Mörderseins darstellen.
Nun ist es dem an ständischer Gliederung orientierten Denken des Mittelalters gewiss nicht fremd, Personen, die immer wieder gleiche Handlung vollziehen, als Angehörige einer durch solche Handlungen qualifizierten Gruppe zu betrachten. Allerdings widerspräche es dem (trotz der augustinischen Gnadenlehre von der Kirche kontinuierlich bewahrten) Glauben von an die menschlichen Willensfreiheit, anzunehmen, jemand müsse sündigen. Er mag eine spezifische Neigung zum Bösen, also zu Sünde und Verbrechen haben, aber er könnte im Grunde auch anders, als dieser Neigung zu folgen.
Das Neue am modernen Konzept (für das wohl auch die protestantische Prädestinationslehre mit ihrer Leugnung der Willensfreiheit den Boden bereitet hat) ist aber gerade, dass Akte als Ausdruck und Verwirklichung eines zugrundeliegenden Seins verstanden werden. Mit anderen Worten: Der Sodomit ist ein solcher, weil er sodomitische Handlungen begeht; der Homosexuelle vollzieht homosexuelle Handlungen, weil er ein Homosexueller ist.
Dieses neue Verständnis ließe sich auch beschreiben als Übergang vom Konzept der typischen Homosexualität zum Konzept der spezifischen Homosexualität. Zu allen Zeiten, also auch im „Mittelalter“, war es selbstverständlich üblich, menschliche Verhaltensweisen als charakteristisch für bestimmte Menschentypen zu begreifen. (Vielleicht ist dies tatsächlich an den theologischen und literarischen Texten besser erkennbar als an den juristischen und medizinischen, auf die Foucault sich bezieht.) Man denke nur an die Charaktere des Geizigen, des Aufschneiders, des Heuchlers usw., die bis weit in die Neuzeit hinein wiedererkennbare Gestalten des Theaters waren, aber eben auch solche des Alltags. Oder man denke an Konstitutionstypen wie den Choleriker, den Sanguiniker, den Melancholiker. Keineswegs wurden also vor der Mitte des 19. Jahrhunderts nur Handlungen betrachtet und von diesen auf Urheber geschlossen, sondern es wurden durchaus auch wiedererkennbare Handlungsmuster als Merkmale von konstanten Typen verstanden.
In diesem Sinne mag auch der Sodomit je und je als Vertreter eines bestimmten Typus gefasst worden sein. Aber so typisch sein Verhalten auch scheinen mochte, es begründete keine „Spezies“; es war immer noch das Verhalten, das den Menschen charakterisierte, und nicht, wie beim Homosexuellen, das „innere Wesen“, das das Verhalten bestimmte. Was sich mit dem moderne Konzept veränderte, war also nicht, dass fortan nicht mehr Handlungen betrachtet wurden, sondern ein Sein analysiert, sondern dass das Verhältnis von Handlungen und Sein neu bestimmt wurde. Ein Sodomit zu sein hieß nichts weiter, als homosexuell zu handeln. Ein Homosexueller aber braucht gar nicht zu handeln, um homosexuell zu sein. Sein „wahres Sein“ zeigt sich nicht unbedingt in dem, was er tut, sondern in dem, was ihm von den Experten (also den Psychologen und Psychiatern) als Motiv seines Handelns zugeschrieben wird.
Der „Fehler“, von dem Louis Compton schreibt, existiert also nicht. Es ist sinnlos. „persons“ gegen „sexual acts“ ausspielen zu wollen, da es immer um beides, vor allem aber um das Verständnis ihres Verhältnisses geht. Es gibt also auch keinen Grund, gegen Foucaults brillante Formel zu polemisieren. Im Gegenteil, mit „Geschichte der Homosexualitäten“ befasste Fachhistoriker und historisch interessierte Laien sind gut beraten, sich am foucaldischen Diskontinuitätsdenken zu orientieren, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, überall Homosexuelle (im modernen Sinne) zu sehen, wo sich zum Beispiel allenfalls Sodomiten zeigen.