Donnerstag, 13. April 2017

Muss man Identitätsbehauptungen „respektieren“?

Wenn einer verkündet, er sei jetzt ein Baum oder eine Telefonzelle, dann muss ich ihm nicht unbedingt widersprechen, aber glauben muss ich ihm auch nicht. Schon gar nicht muss ich „seine Entscheidung respektieren“. Dabei geht’s gar nicht in erster Linie um das Konstrukt „Natur“, sondern darum, dass die Vorstellung, jeder müsse die Kategorien, denen andere ihn zuordnen müssen, selbst bestimmen dürfen, bescheuert ist. So funktioniert Gesellschaft nicht. So funktioniert Realität nicht. Wenn X sagt, er sei in Wirklichkeit Y, dann mag das für ihn gelten, aber es verpflichtet mich nicht dazu, seine Überzeugung, wie ausgeprägt auch immer sie sich geben mag, zu teilen. Es ist ja auch absurd: Wieso sollte er ein unbedingtes Recht (zur Kategorienauswahl) und ich nur eine unbedingte Pflicht (zur Anerkennung seiner Wahl) haben? Habe ich nicht selbst auch ein Recht auf Wahrnehmung von Wirklichem und Feststellung von Wahrem? Sogar dann, wenn der zur Rede stehende Gegenstand etwas Subjektives ist? Und zumal wenn dieses als etwas Objektives behauptet wird? Gewiss ist es höflich und rücksichtsvoll, anderer Leute Lebensführung irgendwie hinzunehmen, sofern sie einen nicht betrifft. Daraus folgt aber nun wirklich keine Verpflichtung, alles, was jemand haben oder sein will, als legitimen Anspruch unterstützen zu müssen. Weder praktisch noch theoretisch. Wenn es einen Vorteil konstruktivistischer Analyse gibt, dann doch den, dass gewisse Unbedingtheiten in Frage gestellt werden können. Diskursiv hervorgebrachte Wahrheit ergibt nachweislich nur im gesellschaftlichen Kontext Sinn. Gerade darum sollte man nicht denselben Fehler wie die Verächter des Sozialkonstruktivismus machen, und aus der faktischen Konstruiertheit holterdipolter zur beliebig ausgestaltbaren Konstruierbarkeit übergehen. Ausgerechnet aus der gesellschaftlichen Bestimmtheit des Seins den unzulässigen Schluss zu ziehen, man könne jederzeit sein, was man wolle, und jeder müsse einem das bestätigen, ist essenzialistischer Infantilismus. Den lasse ich mir nicht aufnötigen, von keinem Baum und von keiner Telefonzelle.

Mittwoch, 23. November 2016

Die Sozialforscher fragen immer noch nicht richtig. Um das gewünschte Ergebnis (Abnahme der Homophobie) zu erhalten, muss man fragen: Hassen Sie Schwule mehr als alles andere? Dann sagen 99% brav nein.

Montag, 18. Januar 2016

Die Heterosexualitäter von Köln

Alles Mögliche wurde bisher bei den mutmaßlichen oder angeblichen Tätern der „Ereignisse von Köln“ problematisiert: ihr Aussehen, ihre Herkunft, ihr Alter, ihre kulturelle Prägung, ihre religiöse Zugehörigkeit, ihr Frauenbild, ihr Aufenthaltsstatus, ihre Vorstrafen, ihr Trunkenheitsgrad, ihre sexuelle Not und nicht zuletzt ihr Geschlecht — nur eines nicht: ihre sexuelle Orientierung. Dabei sind offensichtlich weder eine Herkunft „aus dem nordafrikanischen oder arabischen Raum“, ein partriarchal-machistisches Islamverständnis, ein Asylantrag, ein Promillepegel oder der Umstand, dass man männlichen Geschlechtes ist, ausreichende Bedingungen, um sexuelle Übergriffe, wie sie teils phantasiert, teils berichtet, teils angezeigt wurden, zu unternehmen oder das auch nur zu wollen. Man muss dazu auch heterosexuell sein.
Wäre die allgemein akzeptierte Darstellung, dass in der Silvesternacht Lesben zwischen Hauptbahnhof und Dom Frauen belästigt hätten oder auch irgendwelche Schwule irgendwelche Männer, so wäre mit Sicherheit Homosexualität ein Thema. Heterosexualität wird aber fast nie thematisch, denn sie ist als selbstverständlich, natürlich und normal vorausgesetzt. Was sollen nordafrikanische junge Muslime, besoffen und notgeil, auch sonst sein als heterosexuell?
Es stimmt: Es gibt heterosexuelle Männer, die keine Frauen belästigen. Aber es gibt auch Orientalen, Moslems, Betrunkene und Flüchtlinge, die keine Frauen belästigen. Und während es keine Möglichkeit gibt, aus Religion, Staatsbürgerschaft, Alter oder Geschlecht den Wunsch (geschweige dessen Verwirklichung) abzuleiten, Frauen zu belästigen, ist es offensichtlich, dass man ein heterosexueller Mann sein muss, um Frauen belästigen zu wollen.
Was daraus folgt? Nichts, wenn man die Diskussionen nicht anders führen will. Bisher hat man sich nur damit beschäftigt, wie man das vermutete Gefährdungspotenzial reduziert, indem man männliche, orientalische, muslimische Flüchtlinge loswird oder in Umerziehungslager, äh, Integrationskurse steckt, die ihnen ihre prämodernen Neigungen austreibt und ihnen Achtung vor der Gleichberechtigung und dem Selbstbestimmungsrecht von Frauen einbläut.
Es ginge auch anders. Jahrhundertelang haben hochstehende Zivilisationen, in denen Männer ihre Heterosexualiät nur eingeschränkt (nämlich mit Ehefrauen oder Huren) praktizieren konnten, Mittel geboten und Wege gewiesen, trotzdem Spaß zu haben. Man müsste also nur die mannmännliche Sexualität fördern — und das Problem der heterosexuellen Belästigung von Frauen wäre verschwunden. Oder zumindest reduziert.
Dem steht entgegen, dass die westlichen Gesellschaften und mit ihnen die LFBTIQsternchen-Institutionen das Dogma fest installiert haben, Homosexualität sei eine natürliche Eigenschaft von Homosexuellen und keineswegs eine jedem Menschen mögliche Praxis, anders gesagt: Männer wollen (und haben) nur Sex mit Männern, wenn sie schwul sind. Es ist demnach die „Schwulenbewegung“ selbst, die mit ihrem Identitästgetue eine mögliche Kultur der Männerliebe verhindert.
Es hilft also alles nichts. Die heterosexuellen Männer müssen selber ran und Sex mit anderen heterosexuellen Männern haben. Nur so kann verhindert werden, dass Heterosexualität zu Übergriffen gegen Frauen führt. Plastisch formuliert: Wer mit einem anderen Mann im Bett ist, belästigt keine Frauen auf der Domplatte.